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Schlesische Lieder/Der papierne Mojschl

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Fastnacht Schlesische Lieder ~ Der papierne Mojschl
written by Petr Bezruč, translated by Rudolf Fuchs
So auch ich




Der papierne Mojschl



Lieber wär' ich um ein Wissen ärmer.
Dieses Volk hat nicht das Leid bezwungen;
Byron, der es glaubte, war ein Schwärmer,
als er es elegisch hat besungen.

Lebt ein Jud erst unter unsern Leuten,
hat er bald das ganze Dorf am Fädchen:
nimmt das Recht sich, alle auszubeuten,
das lus noctis primae bei den Mädchen.

Zorn verschlägt darüber uns die Rede:
Mädchen, Mann und Haus verschlingt sein Walten...
Recht geschieht uns. Warum sind wir blöde,
wissen Weiber nicht und Geld zu halten.

Alle gleich, und dennoch weiß ich einen,
den's erwischte, wie beim Schnitt die Wicken;
mit des Herrn Erlaubnis, will's mir scheinen,
darf der Teufel selbst den Juden zwicken.

Also denk' ich und ich glaub' im Grunde;
da der Herr sie schützt vor allem Bösen,
trotz der krummen Nase, wulst'gem Munde
ist der Mann vielleicht kein Jud gewesen.

Bist du aus der Stadt bergab gezogen,
täglich kannst du dort den Juden finden;
gib ihm Geld — er wirft es fort im Bogen,
ein Papier — gleich will er es ergründen.

Irrend Tag für Tag durch Feld und Graben
fischt Papiere er, zu Kot verkehrte —
liest und liest, als müßt' er's bald nun haben,
der »papierne Mojschl« auf der Fährte.

Einst durch Nacht und Schnee den Schritt ich lenke.
Gottverdammt! Wer hockt dort in der Stille?
(Hundert Schritt' von hier fand' er die Schenke!)
Mojschl trägt schon eine weiße Hülle.

Willst du denn, man soll' dich morgen heben,
schmale Kost der Füchse oder Raben?
Will der Vagabund zum Himmel streben?
Jude, auf! Wir wollen rasch uns laben.

Wirt, herbei, und stell' die Bank zum Ofen:
Besser trinken, als in Worten kramen.
Bald hätt' ich ihn tot schon angetroffen;
Mojschl hier, dein Gast, hielt fast beim Amen.

Sitz' nicht wie ein Käfer nach dem Regen,
wenn er müde läßt die Flügel hangen . . .
Sprich, was willst du? Wir vom Norden pflegen
nach der Kontuschowka gern zu langen.

Mojschl, trink, sie ist wie erste Liebe,
süß, als hauchten Primeln Sonnenfrieden,
bitter auch, wie hoffnungslose Liebe,
würzig wie die Föhren der Beskiden.

Scharf ist sie, so wie der Zahn der Sägen;
schüttle sie, die Perle steigt nach oben,
licht, o licht, der Götter Neid zu regen,
Mojschl, trink, laß mich allein nicht loben!

Wer die "Welt so überm Kelch verloren,
sieht sie ganz als Tau im Mohn erbeben;
alles Leid ist lächelnd umgeboren . . .
Und nun, Jude, sprich von deinem Leben.

»Nur ein Narr erzähh von seinen Schmerzen.
Wie das wärmt! Ihr, Herr, fühlt mit dem Schwachen,
sitzt mit Mojschl, sprecht mit ihm vom Herzen,
nein, der Herr wird nicht darüber lachen.

Einmal, Herr — Gott sandte euch ein Wesen,
die Gefährtin euren Mannesjahren,
da bekommt ihr einen Brief zu lesen . . .
Sagt mir, Herr, wie hättet Ihr verfahren?« 

Sandte mir...?! Mein Sinn fing an zu wandern,
Rauch der Pfeife zog durch die Spelunke,
lang ist's her... sie wählte einen andern...
und zwei Jahre lebte ich dem Trünke.

Oft, wenn Leid mich auf die Folter spannte,
wüßt' ich gute Worte meiner harren . . .
keines war, das so mich übermannte,
wie das Leid im Antlitz dieses Narren.

»Mir, Herr... mir geschah's —« und wieder senken
wollt' sich auf den Kelch der Wehmut Falter:
Hohngelächter scholl von allen Bänken —
Mojschl hat das Wort. Erzähl doch, Alter!

»Schön war sie, ich wagt' es kaum, zu hoffen.
Doch wer sich ein hübsches Weib erwählte,
ist wie Goliath vom Stein getroffen,
ist wie einer, der sich arg verzählte.« 

Schleif mit einem Wedel Mühlensteine,
aber trau nicht eines Weibes Küssen.
Pack' den Gulden, willst du durchaus Eine,
lauf hinaus, wirst nicht lane darben müssen.

»Habt Ihr, Herr, geliebt? Des Abends Blauen
weitet sich zum Paradies verstohlen.
Gern bei Tag, winkt' sie mir mit den Brauen,
lief vom Libanon ich Zedern holen.« 

Wer nichts wünscht', als daß ein Lächeln bliebe,
wankt dem Irrlicht nach in sein Verderben,
setzt sein Alles auf das Blatt der Liebe,
ist ein Narr, dem es beliebt zu sterben.

»Recht, ein Narr. Und einmal, Herr... und plötzlich
liegt ein Brief vor mir. Das war das Ende.
Alles wankte, denn mich traf's entsetzlich,
daß sie mich betrüge und sich schände.

Hure, du! Du Hure! Büßen! Büßen!
Krachend saust die Axt auf sie. Ich rase.
Und der Rotspecht da zu meinen Füßen,
war mein Weib...« Er lachte durch die Nase.

Du bliebst da. Die Welt spricht viele Sprachen:
Sanft der Wipfel, Gott mit Donnermunde.
Und die Menschen, welche näselnd lachen,
lachen über leergebranntem Grunde.

»Man ergriff mich, schleppte mich beim Kragen,
und im Windstoß ging der Brief verloren.
Seine brave Frau hat er erschlagen —
irr ist er — so gellt' mir's um die Ohren.

Stiller Narr! — Man ließ mich schließlich laufen,
Ärzte, Richter stießen mich ins Leben;
ich durchsuche Haufen über Haufen
nach dem Schreiben... Herr, was sagt Ihr eben?« 

Barfuß bist du? Sei's. Dem Schritt des Jungen
folgt das Glück wie Erle kühler Nässe;
kommt der Herbst, wird uns das Lied gesungen
vom Verzicht und weher Herzensblässe.

Sei's, wie's sei. Trink. Heute dich begrabend,
schlägt das Schicksal morgen mich in Ketten;
sehr beschwerlich wär's von früh bis abend,
wenn wir nicht noch eine Zuflucht hätten.

Den erdrückt des Stammes Joch und Bürde,
dieser stirbt am Weib, und jenen treiben
peitschend Schmerzen wie ein Roß zur Hürde —
Branntwein, Bruder, Branntwein muß uns bleiben.



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