Nicht ist's die Nessel überm Gänseblümlein,
der Brombeerstrauch nicht überm Buschwindröschen,
die Trauerweide nicht das Lamm umschattend:
die Ahnin ist's der Raben überm Enkel.
Schwarzhaarig, adlernasig, schmal von Lippen,
an achtzig Jahr'.
Die Eiche trägt ihr Laub, so selbstverständlich
ist dunkles Haar ein Merkmal ihrer Sippe.
Beklommenheit und stumme Trauer siedeln
in ihren Mienen und die ganze Landschaft
trägt gleiches Leid: der Wald bei Hrabin trauert,
der grüne Rücken überm Dorfe Branka,
der hohe Smrk, die Lysa, traurig lächeln
die Ufer der Lucina, und es flüstern
die Weiden düster an der Morawitza
des Landes stummes Leid.
Der Raben Sippe ist bekannt in Dielhau:
es hallt ihr böser Ruhm bis hoch nach Hultschin,
in Martinau und Plesna widerhallend.
Kurz leben sie: ein stürmisch Lustgewieher,
ein junger Tod, wie wenn ein Blitz den Baum sengt.
Ein stilles Mädchen nahm einst einen Raben.
Es staunt das Dorf, es wundern sich die Weiber.
Lebt doch der Rabe weiblos, ohne Ketten.
Was scheren ihn die Flennerinnen alle!
Nur wenn ein Mädel sich gar stolz gebärdet,
dann packt er sie und wirft sie in den Roggen.
(Die Alte wiegt das Kind nach einer solchen.)
Das junge Weib gebar ihm sieben Söhne,
einst bracht man Ihn. (Für einen Raben war er
im Grund genommen lang genug am Leben.)
Mit dreien hatt' er Streit, der Tod bezwang ihn.
Sie zog sie groß, sie rackert' auf dem Felde,
begrub sie alle, alle, bitter weinte
sie bei den ersten drei'n. Dann rannen stiller
die Tränen nur, der Mund ward schmal und schmäler.
Der erste wurde vom Gendarm erstochen,
den Juden schlug er, wollt nicht locker lassen,
im Wirtshaus war's, denn immer schlägt der Rabe,
wo er ihn trifft, den Juden; sei's aus Willkür,
aus Stolz vielleicht; sei's nur aus dumpfer Ahnung,
daß nie ein Jud der Not des Volkes achtet.
Der zweite, Pram genannt, — ein Baum, so mächtig —
erschoß in der Kaserne seinen Hauptmann.
Der Hauptmann schlug ihn; ha, wer stößt den Raben,
wer ungestraft? Fort, wem sein Leben lieb ist!
Die ganze Kompagnie nahm ihn aufs Korn.
Was gelten ihm die Herren Offiziere?
Was einem Raben Könige und Fürsten?
Was die Gesetze, die den Mund verbieten?
Der dritte, flink und sauber, faßt' den Vorsatz,
das runde Kirchendach hinabzuklettern.
Du fürchte Gott, versuche nicht den Himmel!
Was gelten ihm die Kirchen und Kapellen?
Was ihm Gebete, Bischöfe und Pfaffen?
Was einem Raben der, der droben donnert?
Das Dach gelang, doch als er sich hinabließ,
trat fehl sein Fuß, er sauste in die Tiefe,
der übermüt'ge Kopf zerschellt am Pflaster.
Den stolzen Hannes nannten sie den vierten;
ein Meisterschmuggler, pascht aus Preußen Waren.
In Hultschin trinkt er, läßt Dukaten springen,
man spielt ihm auf, er führt zum Tanz die Mädchen,
lacht den Finanzern eins, im Trock'nen hat er
die Ware längst, ach wo, ihr Herr'n Finanzer!
Doch einst — Fialt! eingekreist: Ergib dich! Fertig!
Wann hätt' ein Rabe lebend sich ergeben?
Zwei wälzten sich am Boden, Schüsse krachten.
Der fünfte, Paul — das war ein rechter Falke
und eine Meil' weit könnt' der Falke sehen —
Fasanen jagt' er in den Fierrschaftsforsten.
Ob Herrschaftswild, ob nicht, es war sein eigen;
der Graf, der Herrschaftsjäger mag sich vorseh'n,
denn wird geschossen, ist der Rabe schneller.
Er schont die Herren nicht, verschont ihr Wild nicht.
Einst traf ihn dennoch eine Herrschaftskugel.
Der stille Heimatfluß im Frühjahrsregen
trat aus den Ufern, braust hinab zur Oder,
ich wette meinen Kopf, daß ich hindurchschwimm!
Wird unser Fluß sein Kind doch nicht verschlingen!
Gewaltig teilt die Brust die trübe Strömung,
er greift das Ufer schon, da fliegt ein Baumstamm,
trifft seinen Kopf, der Schwimmer sinkt zur Tiefe.
(Die Wiege warst du ihm, heg ihn als Grab auch!)
So starb der sechste, aber du, der Letzte,
du letztlicher, erlisch nicht deiner Mutter!
Du hast ein schnelles Pferd, gib acht beim Reiten.
Das Pferd liebt mich, so wie ich's selber liebe.
Ich überhol' den Oderberger Schnellzug,
ja, schneller fliegt mein Pferd als alle Züge.
Hinüber, flieg! Da faßt es die Maschine
und Pferd und Reiter sind nicht mehr am Leben.
Acht Gräber sind's und immer lebt das Weib noch!
Das Kind ist da, weiß Gott, sie muß ja leben.
um's großzuziehn, damit das Licht der Raben
erhalten bleib', wenn auch aus seinem Aug schon
der Raben Schicksal schaut...
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Genug geträumt, vom Fluß ziehn Entenschwärme,
die Hühner suchen Schlaf, Kindwäsche wartet.