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Schlesische Lieder/Petr Bezruč, ein Dichter wider Willen

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Schlesische Lieder ~ Petr Bezruč, ein Dichter wider Willen
written by Petr Bezruč, translated by Rudolf Fuchs
Quellennachweis
Weitere Angaben zu dieser Gedichtesammlung siehe Anhang




Petr Bezruč, ein Dichter wider Willen


Am 15. September 1937 wird der tschechische Dichter Petr Bezruč siebzig Jahre alt. Die tschechischen Zeitungen werden laut und feierlich ins Horn blasen; da Bezruč ins Deutsche und zum Teil auch in andere Sprachen übersetzt ist — eines der Gedichte: »Wer springt in die Bresche?« beispielsweise in 15, ein anderes »Maritschka Magdonova« in 10 fremde Literaturen —, wird die Kunde von seinem Altersfest ihren Lauf um die Welt nehmen, denn Bezruč ist ein Dichter von hohem, seltsamem Rang und steht in der Zeit ganz obenan geschrieben. Meist, wenn von einem Dichter Ähnliches ausgesagt wird, pflegt dann die Aufzählung der erschienenen Werke, der stattgefundenen Aufführungen, der unter Umständen gehaltenen denkwürdigen Vorträge, der Fälle nachwirkenden Hervortretens, kurz: die ganze Repräsentation der gehaltvollen Quantität aufgezählt zu werden, um zum Ausdruck zu bringen, daß die Ehre sehr wohl wisse, wem sie da zuteil werde. Was aber ist das Werk des Petr Bezruč? Ein einziges Buch, »Schlesische Lieder« genannt, das 1903 nur 31 Gedichte enthalten hat und im Laufe von etwa drei Jahrzehnten in immer neuen Auflagen auf 80 Gedichte angewachsen ist. Dies, wenn man von einigen weiteren, intimeren oder Gelegenheitsgedichten von freilich besonderer Prägung absieht, die außerhalb der »Schlesischen Lieder« geblieben sind, ist das Werk des Petr Bezruč. Und wer ist er selbst? Franz Werfel beginnt seine Vorrede zu den von mir ins Deutsche übersetzten »Schlesischen Liedern«  (Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1916) mit den Worten: »Petr Bezruč gibt es nicht.« — Petr Bezruč ist ein Pseudonym und der, welcher dieses Pseudonym trägt, ist  ein Dichter wider Willen. Dabei einer der großartigsten Dichter der Rebellion gegen soziale und nationale Bedrückung, die es je gegeben hat. Also kein Dichter für den Nobelpreis.

Als 1899 ein völlig Unbekannter, der sich Petr Bezruč nannte, an den Schriftsteller und Redakteur der tschechischen Tageszeitung »Čas«, deren Stütze Prof. Masaryk war, Jan Herben, auf Umwegen zwei Gedichte zur Veröffentlichung schickte, nicht um sich literarisch hervorzutun, sondern sichtlich unter dem Gewissensdruck, den ihm die Nöte und Qualen verursachten, unter denen seine Brüder, die schlesischen Tschechen, litten, so als ob ihm diese zuriefen: »Geh hin und zeuge für uns!«, da war es, als hätte ein Koloß das Podium bestiegen. Die beiden Gedichte wurden sofort konfisziert. Sie waren rücksichtslos unbeschönigt und seit langem das politisch Heftigste, was in dichterischer Form gegen die großen und kleinen Quäler in Schlesien gesagt, geschrieben, hinaus geschrien worden ist. Gegen die Konfiskation wurde dann später, und zwar am 13. November 1902, als weitere Verse des Petr Bezruč im »Čas« eine immer größere Aufmerksamkeit auf sich lenkten, im Wiener Reichsrat eine Interpellation an den Justizminister eingebracht. Die Interpellation schließt mit den Worten: »Da diese Confiscation die Willkür der Staatsanwaltschaft direct demonstriert — fragen die Gefertigten: Ist der Herr Minister geneigt, hier eine Abhilfe zu schaffen?« Aber die Interpellanten wußten nur zu gut, daß der Staatsanwalt ein wenig wachsamer Zensor gewesen wäre, wenn er diese Gedichte durchgelassen hätte. Jedenfalls waren aber die Gedichte nach den damaligen Gesetzen durch die Interpellation imWiener Parlament immunisiert. Das Schriftstück trägt eine Reihe interessanter Unterschriften, so jene der deutschen Sozialdemokraten: Karl Seitz, später erster Staatspräsident der Republik Österreich und Bürgermeister von Wien; Dr. Ellenbogen; Franz Schuhmeier, der vor dem Krieg das Opfer eines politischen Attentats geworden ist; Pernerstorfer, der während des Krieges gestorben ist; Eldersch, später Präsident des österreichischen Nationalrates; Daszynski, der ein polnischer und Romanczuk, der ein ruthenischer Sozialdemokrat war; des Alttschechen Rieger und schließlich des Petr Cingr, der selbst Bergarbeiter aus dem Ostrauer Revier war und nach dem Krieg bis zu seinem Tode auch dem Prager Abgeordnetenhaus als kommunistischer Abgeordneter angehörte.

In dem einen der Gedichte »Palacký-Feier« (Palacký, 1798 — 1876, war ein führender tschechischer Historiker) schildert er, wie er, während Prag einen stolzen Festtag begeht, seine im nationalen und sozialen Elend dahinsiechende schlesisch-tschechische Heimat vor sich sieht: er,

»der letzte Tscheche noch aus jenem Dorf,
wo sie mein Volk erstickten und erschlugen.« 


In dem anderen Gedicht, »Das Schreckphantom« , nennt er sich schon mit dem Namen Bezruč. Wörtlich übersetzt heißt dieses Wort: Ohn-Hand. (»Ein Kohlenklotz schlug mir die Linke vom Leibe.«)

»Weiß Gott, entsetzlich bin ich.
Wie einer Leiche Stank wittert's vor mir her,
auf Händen, auf Füßen zerplatzt mir das Fleisch.
Dicht blitzen die Augen, wie Weißglut mich treffend,
mich faßte der Wind, meinen Blutmantel reffend,
fest in der Rechten des Bergmannes Hammer,
ein Kohlenklotz schlug mir die Linke vom Leibe,
die Stichflamme biß mir das Aug' aus der Höhlung — « 


Wer wundert sich noch, daß die Prager Staatsanwaltschaft als Zensurstelle diese Gedichte verbot, besonders da darin, abgesehen vom Marquis Géro, worunter, wie jedermann wußte, der Erzherzog Friedrich zu verstehen war, die Industriemagnaten mit Namen genannt werden?

Im selben Jahre (1899) sind dann in der belletristischen Beilage des »Čas« gruppenweise noch 19 andere Gedichte von Petr Bezruč erschienen. Die Verse schlugen unerhört ein. »Wer ist Petr Bezruč?« Das war die allgemeine Frage. Eine gefeierte Schauspielerin, Hanna Kvapilová, rezitierte in Prag einige der Gedichte in einer öffentlichen Veranstaltung. Niemand ahnte damals, daß Bezruč im Saale anwesend war. Er war aus seiner schlesischen Heimat gekommen und schickte dann, wieder nach Hause zurückgekehrt, der Schauspielerin einen Dank und Gruß in Versen. Er habe, während die »weiße Dame« die »rauhen Verse« aus den Beskiden vortrug, deutlich nur das Elend vor sich gesehen, das den hauptsächlichen Inhalt seiner Gedichte bildet.

Schon diese Gedichte von 1899 — Bezruč war damals, wie wir heute wissen, 32 Jahre alt — enthüllen das ganze Panorama des tragischen Schauspiels, welches seine Gedichte auf den verschiedenen Szenen zusammen ergeben. Es handelt sich um das Kohlengebiet Ostrau, Witkowitz, Pjetwald, Orlau, Dombrau, Karwin, Poremba, Lazy, das vom Industriekapital beherrscht wird, um die Gebirgswelt der Beskiden mit ihrer wunderbaren Naturschönheit und der unsäglichen Not der dort beheimateten Goralen unter der Herrschaft des Marquis Géro (Erzherzog Friedrich) und um das dem Handel tributpflichtige landwirtschaftliche Gebiet bei Troppau und Friedek. Den schlesischen Tschechen, deren Sprecher Petr Bezruč war, gehörte von all dem riesigen Reichtum des Landes nichts. Im Gegenteil: der Bodenreichtum gereichte ihnen zum Fluch. Die rapid wachsende Industrie zog polnische Arbeiter aus dem nahen Galizien heran. Eine der kulturellen Folgen war die Polonisierung der Kirche und diese wieder die Ursache der Polonisierung und somit der Entnationalisierung ganzer Sprengel. Anderswo wieder sorgten die österreichischen Zentralbehörden für eine Germanisierung der Schulen. Diesen beiden Erscheinungen ist nach dem Weltkrieg Einhalt geboten und manches Unrecht gutgemacht worden. Der schlesisch-tschechische Volksstamm, aus dem nicht nur Petr Bezruč, sondern beispielsweise auch der Komponist Leoš Janáček hervorging, darf seine soziale Ohnmacht und andauernde Not heute wenigstens mit einigermaßen gehobenem nationalem Bewußtsein tragen.

Bei Petr Bezruč stoßen wir, wie schon angedeutet, immer wieder auf die gleichen Feinde der schlesischen Bevölkerung: Auf Marquis Géro (Erzherzog Friedrich), den allmächtigen Besitzer der Forste, auf die in den Gedichten genannten Industriemagnaten, auf den Deutschen (als Bergbauingenieur und Forstbeamten), auf den Polen (als zugewanderten Lehrer oder Priester) und auf den Juden (als Holzhändler, Schnapsbrenner oder Profitler schlechthin).

Die Tschechen in Schlesien sprechen je nach der Gegend eine größere Anzahl von Dialekten. Ein Großteil dieser Dialekte zusammen bildet das Łachische. (Das Ł wird hart ausgesprochen.) Łachen sind diejenigen, die nicht mehr ein reines »Mährisch« sprechen, sondern schon ins Polnische hinüberwechseln. Für das Łachische als vollkommen selbständige, eigenberechtigte Sprache kämpft heute der junge sozialistische Dichter Óndra Lysohorský. Die łachische Sprache soll nach seiner Absicht dem dortigen Proletariat zu einem besseren Selbstbewußtsein verhelfen. Die łachische Schriftsprache Lysohorskýs, die er als erster programmatisch gebraucht, unterscheidet sich wesentlich von der des Petr Bezruč. Lysohorskýs Sprache ist gewissermaßen die als arithmetisches Mittel des Mundartlichen festgelegte Schriftsprache für die łachische Bevölkerung und weiten Kreisen der Tschechen nicht leicht zugänglich. Bezruč hingegen schreibt tschechisch mit einer zwar charakteristischen, dennoch aber nur leichten łachischen Färbung.

Hier ist die Stelle, von Bezručs Herkunft zu sprechen. Bis etwa 1910 war die Anonymität des Petr Bezruč trotz der Neugier seiner Leser so weit gewahrt, daß allgemein geglaubt wurde, diese Lieder habe ein Bergmann aus dem Ostrauer Gebiet oder der einfache Sohn eines Gebirgsbauern aus den Beskiden gesungen, mochte das Wunder, wie auf diese Weise eine bei aller Heftigkeit so hohe Kunstleistung Zustandekommen konnte, noch so unerklärlich gewesen sein. Der aber, der sich Petr Bezruč nannte, war in Wirklichkeit der Sohn des schlesisch-tschechischen Mittelschulprofessors Anton Vašek in Troppau, der selbst einer kleinbäuerlichen Familie entstammte. Damals hießen die Leute in Schlesien in der amtlichen österreichischen Bezeichnung einfach die »Wasserpolaken« , womit man zum Ausdruck bringen wollte, daß sie zum Unterschied von den anderen Nationen der Monarchie keine eigene Geschichte, keine eigene Literatur, keinen eigenen Charakter, keine eigene Kultur und somit auch keine Daseinsberechtigung hatten. Die Städter in Schlesien sprachen deutsch; die wohlhabenderen Bauern ahmten ihnen möglichst nach. Die Arbeiterschaft war damals in jenem Gebiet noch kein kulturell ausschlaggebender Faktor. So wurde im Volk die eigene Sprache zurückgesetzt. Da beginnt am 1. März 1861 Professor Vašek unter tausend Schwierigkeiten eine Zeitschrift »Opavský Besedník« (etwa: Troppauer Bote) herauszugeben, die das ständige Leitmotiv trägt: »Kdo se za svůj jazyk stydí, hoden jest potupy všech lidí.« (Mit einiger Freiheit ins Deutsche übersetzt: Wer seine Sprache nicht ehrt, ist der Achtung nicht wert.) Professor Vašek, Bezručs Vater, trat nicht für eine Unabhängigkeit der schlesischen Tschechen (Wasserpolaken, Schlonzaken, Morawzen. Łachen) ein, sondern wies in seiner Zeitschrift und in den schlesischen Berichten, die er für tschechische Blätter, wie für den »Pokrok« in Prag, die »Olomoucké Noviny« in Olmütz, die »Moravská Orlice« in Brunn verfaßte, immer wieder auf den historischen Zusammenhang Schlesiens mit Mähren hin. Anton Vašek prägte als Erster das Wort »českoslovanský«  (tchechoslawisch). Vašeks Verdienst war es, seinem Volk bewiesen zu haben,  daß es eine Schriftsprache besitze , nämlich das Tschechische. Im Gebiet von Troppau wurde schließlich für die »Morawzen« an den Schulen der Unterricht des Tschechischen, im Gebiet von Teschen für die »Wasserpolaken« der Unterricht des Polnischen gestattet. (Dabei mag man sich vergegenwärtigen, daß es damals noch keinen polnischen Staat gegeben hat und daß der Zuzug der polnischen Bergarbeiter nach Schlesien aus dem österreichischen Galizien erfolgte.) Professor Vašek war unter den Lehrern des deutschen Gymnasiums in Troppau der erste, der bei den Schülern Lust und Begeisterung für das Tschechische zu wecken wußte.

Für seine Zeitschrift hatte Vašek es verstanden, wertvolle Mitarbeiter zu gewinnen. Sein Plan war die Erziehung zum politischen Selbstbewußtsein zu dem Zwecke, ein höheres kulturelles Niveau zu erreichen. Vašek war sich dessen schon sehr wohl bewußt, daß ohne Hebung der materiellen Basis der Bevölkerung auch kulturell für sie nichts zu erreichen war. Die materielle Basis bildete zu jener Zeit die Landwirtschaft und noch nicht so sehr die Industrie. Seine Sorge galt daher vor allem Fragen der agrarischen Verbesserung. Von diesen war in der Zeitschrift immer wieder die Rede. Vašek mußte allerdings Klage darüber führen, daß das Interesse der Bauern an seinen Vorschlägen nur gering blieb. Die Zeitschrift brachte außer politischen, sprachlichen und volkswirtschaftlichen Artikeln auch Dichtungen, łachische Volkslieder, Übersetzungen aus dem Polnischen und Serbischen. Das Wirken Vašeks und seiner Freunde blieb nicht vergeblich. Wie sehr seine Ideen gewirkt hatten, beweist der Umstand, daß, als 1867 die böhmischen Kroninsignien nach dem verlorenen Kriege Österreichs gegen Preußen von Wien nach Prag zurückwanderten, den Ländern der böhmischen Krone im Verband der Monarchie eine größere Freiheit verheißend, auch in Schlesien Freudenfeuer angezündet wurden. Damals bestand Vašeks Zeitschrift allerdings nicht mehr, denn sie war nach fünf Jahren infolge finanzieller Schwierigkeiten und der schwachen Gesundheit des Herausgebers eingegangen.

Wir müssen von Anton Vašek ausführlicher sprechen, denn wir werden sehen, daß sein Sohn, Petr Bezruč, sein direkter Fortsetzer ist. Vašek trachtete, wie gesagt, in den schlesischen Slawen das Bewußtsein zu stärken, daß sie neben den Tschechen aus Böhmen und jenen aus Mähren als Dritte im Bunde ebenbürtige Glieder der böhmischen Krone sind. Aber Prag war weit und außerdem wurde gegen die politisch am meisten entwickelten Tschechen aus Böhmen von der deutschen Oberschicht in Schlesien eine absichtsvolle Animosität genährt. Da hatte nun Vašek, wie dies den geopolitischen Verhältnissen auch am besten entsprach, die Brücke wenigstens nach Mähren geschlagen. Als seine Zeitschrift, der »Opavský Besedník«, einging, empfahl er seinen Lesern die Lektüre der »Olomoucké Noviny« in Olmütz, die dann auch Nachrichten aus Schlesien brachten. Teschen blieb, zum Unterschied von Troppau, national weiterhin in der polnischen Einflußsphäre und der Druck von dieser Seite wuchs mit den Jahren ganz bedeutend. Dieser Druck führte zuletzt dazu, daß ein Abschnitt dieses Gebietes nach dem Weltkrieg an das neugeschaffene Polen fiel und damit einige der »aufgewecktesten mährischen Dörfer«, wie Petr Bezruč in einem Brief an den Verfasser dieses Artikels schreibt, »die zur Tschechoslowakischen Republik wollten, hinterm Zaun geblieben sind«. Wegen der Abtretung dieses Gebietes an Polen hat Petr Bezruč in einigen späten Gedichten heftig Klage geführt. »Die Grenze ist zum Weinende, äußert er in dem bereits zitierten Brief. Das schreibt ein Petr Bezruč nicht nur so hin, wenn er den Verlust nicht im tiefsten Herzen empfände. Der politisch Unterrichtete weiß übrigens: der Tanz geht weiter. Denn Polen will heute mehr, weit mehr.

Was Anton Vašek anbelangt, so wäre sein Bild unvollständig, wenn man unerwähnt ließe, daß er nicht nur politischer Schriftsteller, sondern auch ein politischer Redner war und beispielsweise als Debattenredner gegen den Landespräsidenten Baron Pillerstorff auftrat. Das ist für einen Staatsbeamten, der Vašek als Mittelschulprofessor war, ein mutiges Verhalten. i870 beteiligte sich Vašek an der Gründung eines neuen tschechischen Blattes, des »Opavský Týdeník« (Troppauer Wochenschrift). 1872 erfolgte, man kann wohl sagen strafweise, die Versetzung Professor Vašeks nach Brünn. Diese Stadt, wiewohl die Hauptstadt Mährens, war für den Mann, der mit Leib und Seele an seiner schlesischen Heimat hing, ein Verbannungsort.

In die Brünner Zeit Vašeks fällt (1879) die Herausgabe einer sehr bedeutsamen Schrift; sie hieß: »Philologischer Beweis, daß die Königinhofer und die Grünberger Handschrift sowie das Bruchstück des Evangeliums Johanni Fälschungen des Václav Hanka sind«. Man denke: Viele Gelehrte und anerkannte Autoritäten verteidigten die »alttschechischen Kulturdenkmäler« als echt, von denen der Dichter Hanka 1817 behauptet hatte, er hätte sie auf eine romantische Art aufgefunden. Eine mächtige Volksströmung war dafür, sich diese, wie man glaubte, teueren Vermächtnisse der Geschichte und der Literatur nicht rauben zu lassen. Ein Jahr vor seinem Tode (1879) schreibt Vašek an Dr. Jan Kožený, Professor an der landwirtschaftlichen Akademie in Tábor: »Ich weiß, daß mir Viele mangels philologischer Kenntnisse nicht glauben, mich bekämpfen und beschimpfen werden, als ob ich aus wer weiß welchen Gründen gegen die Königinhof er Handschrift aufgetreten wäre. Ich bitte Sie, sich meiner, wo es Ihnen nur möglich ist, anzunehmen und nicht zuzulassen, daß mein Name verunglimpft werde. Sie kennen mich ja von Kind auf. Wer für die nationale Sache so viel erduldet und geopfert hat, wird sich auch für die glänzendsten Aussichten nicht verkaufen.« 

Erst Jahre später sind gegen jene vermeintlichen geheiligten Andenken aus uralten Zeiten, gegen diese angeblichen Perlen einer alttschechischen Dichtung auch andere bedeutende Männer aufgetreten und entlarvten sie als eine raffinierte und, wenn man so sagen darf: hochbegabte neuzeitliche Fälschung. Es waren dies: Prof. Dr. T. G. Masaryk vom soziologischen, Prof. Dr. Jan Gebauer vom philologischen, Prof. Dr. Jaroslav Goll vom historischen, Prof. Dr. Jaromír Čelakovský vom juristischen und V. Šafařík und Bělohoubek vom chemischen und mikroskopischen Standpunkt aus.

Durch den Streit um die Handschriften, der Jahrzehnte lang nicht zur Ruhe kommen sollte, wurde in der tschechischen Nation jene große Bewegung ausgelöst, die in der geistigen Kultur der Tschechen auch dadurch eine epochale Bedeutung gewann, daß sie durch ihre sittliche Kraft auf alle Gebiete übergriff: als Kampf gegen den Aberglauben, gegen einen unfruchtbaren Romantismus und gegen die intellektuelle und moralische Lügenhaftigkeit. Eine Bewegung, in deren Zeichen die tschechische Nation 1918 nach hartem Ringen ihre staatliche Selbständigkeit erlangte.

Vašek ist aus Troppau nach Brünn versetzt worden. Er hatte in seiner schlesischen Heimat immer getrachtet, unter seinen Landsleuten das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit der böhmischen, mährischen und schlesischen Tschechen zu stärken. In Brünn weitete sich sein Horizont und er griff mit seinem philologischen Beweis gegen Hankas Falsifikate eine Sache auf, die, wie gesagt, für die Richtung der tschechoslawischen Einheit von zentraler Bedeutung werden sollte.

Als Professor Vašek nach Brünn versetzt wurde, hatte er vier Kinder. Sein ältester Sohn hieß Vladimír. Vladimír Vašek, dies ist der bürgerliche Name des Dichters Petr Bezruč. Seine Mutter hieß mit ihrem Mädchennamen Marie Brožková; sie wird als ein in ihrer Jugend besonders hübsches, anmutiges und umschwärmtes Geschöpf geschildert. Sie wurde 1840 in Elbeteinitz (Týnec nad Labem) geboren. Ihre Großeltern hießen Harrer, waren sehr wohlhabend und besaßen in Elbeteinitz eine große Gerberei. Es sind Bilder von ihnen erhalten, die nach einer gewissen altpatrizischen Schablone gemalt sind. Marie Brožková wurde mit Hilfe der Familie in Prag und in Kuttenberg als ein Mädchen von besserem Stande, und zwar allem Anschein nach deutsch, erzogen. Ihr Vater, František Brožek, von Beruf Amtsschreiber und Ökonomiebesitzer, war ein Mann mit musischem Einschlag, der es liebte, bei geselligen Veranstaltungen mitzuwirken. Ihren späteren Gatten, Professor Anton Vašek, hat Marie Brožková auf einer Reise in München kennengelernt. Vladimír wurde in Troppau am 15. September 1867 geboren. 1872 mußte die Familie nach Brünn übersiedeln. 1880 stirbt Professor Vašek. Sechs Kinder bleiben nach ihm. Vladimír (Petr Bezruč), der älteste, war damals dreizehn Jahre alt. Marie Vašková überlebte ihren Gatten um vierzehn Jahre.

Die Photographie zeigt Prof. Anton Vašek als einen ernsten, ja streng dreinschauenden Mann mit edler Stirne, Kinnbart und ausrasierten Wangen. Er laborierte an einem Brustleiden und ist nur 51 Jahre alt geworden.

Das Geschlecht des Vaters stammt aus Háj (Freiheitsau) im Schlesischen, jenes der Mutter aus Týnec nad Labem (Elbeteinitz) in Böhmen. Petr Bezruč hat von der Mutter des Dichtens Lust und Leid, vom Vater die unerbittliche Strenge der dichterischen Mission geerbt. Mag zumindest dies Wenige festgestellt werden, da vorauszusehen ist, daß die dichterische und menschliche Erscheinung des Petr Bezruč den künftigen Geschlechtern noch rätselhafter erscheinen wird als uns.

Bezručs Biographie? Liest man die einzelnen Gedichte der »Schlesischen Lieder«, so lernt man das wahre Leben des Dichters kennen, um es nie mehr zu vergessen. Was will da die Aufzählung seiner Tage und Jahre von jenem dreizehnten, da sein Vater gestorben war, bis zu dem siebzigsten, vor dem er als Jubilar in die Einsamkeit flüchtet. Er besuchte in Brünn das Gymnasium; die Ferien verbrachte er in seiner schlesischen Heimat und begann, noch ein Kind, die für ihn tief schmerzliche Wahrnehmung zu machen, daß die Heimat, so wie sein Vater sie ihm hinterlassen hatte, gleichsam hinwegstarb und bis in seine engere Verwandtschaft hinein von mal zu mal dem Druck der Germanisierung, anderswo wieder der Polonisierung, nachgab. Das war für ihn — wir haben es mit Petr Bezruč zu tun — eine unendlich traurige Jugenderfahrung, denn er begriff allmählich, daß hier ein lebensfähiger und lebenswilliger Volksorganismus, der Organismus seines Volkes, seines von ihm sehr geliebten Volkes, schrittweise vernichtet werden sollte. Der Boden war reich, wie er es heute ist, und erwies sich, seit der Schmied Keltička 1770 in Polnisch-Ostrau zum erstenmal den »schwarzen Stein« entdeckt hatte, als immer reicher an Bodenschätzen. 1885 geht der junge Vladimír Vašek nach Prag an die Universität und studiert vor allem Geschichte der Philosophie und Psychologie bei Professor Masaryk. Er hört auch linguistische Vorlesungen bei den Professoren Gebauer und Kraus, sowie Moureks Kollegien aus der deutschen Literatur. Nach drei Jahren unterbricht er sein Studium. Höchstwahrscheinlich aus materiellen Gründen. Aber es können auch andere, innere Gründe mitentscheidend gewesen sein. Vielleicht behagte ihm die Prager Atmosphäre nicht. Vielleicht wollte er seiner Familie nahe sein, denn wie sehr er seine Mutter und von seinen Geschwistern insbesondere seine Schwester Helene und den jüngeren Bruder Anton liebte, beweisen die 1936 erschienenen Epitaphe. Vielleicht auch wollte er auf einfacherer Stufe als nach vollendetem Universitätsstudium seiner geliebten und bedrängten schlesischen oder zumindest der mährischen Heimat nahe sein. Kurz, er trat die Stelle eines Kanzleibeamten beim Landesausschuß in Brünn an. 1891 bekommt er die Stelle eines Postassistenten in Mistek in Schlesien und bleibt dort bis 1893. Das waren Petr Bezručs eigentliche Lehrjahre. Seine Wanderjahre dauern an, denn die Orte, die den Schauplatz seiner unsterblichen Gedichte bilden — unsterblich deswegen, weil man nicht nur von ihnen, sondern weil man sie selbst singen und sagen wird, solange die Sprache lebt, in der sie geschrieben sind —, waren und sind auch heute noch die Wanderstationen des Alten. Da ist ihm die Not in den Gruben, die Not auf den Halden des Ostrau-Karwiner Kohlenreviers, die Not in den Wäldern, in den Einöden des Beskidengebirges greifbar und die Seele aufwühlend vor Augen getreten. Da ward ihm gegeben zu sagen, was dort gelitten wird, wie es bisher vor ihm niemandem zu sagen gegeben war. In jene Zeit scheint auch sein erstes großes Liebeserlebnis zu fallen, das ihn um und um geackert hat, so daß alles in ihm ins Wachsen kam. Manche Gedichte zeugen davon. Bezruč ist nicht der Mann, um von sich zu sprechen. Aber das ganze Erdreich, in dem er wurzelte, war voll von der Süße und Bitterkeit seiner Liebe, so daß mit allem andern, mit der Kraft des Aufruhrs und den edlen Säften der Sprache, immer wieder die Schmerzen, Erinnerungen und Träume der Liebe in die Gewebezellen seiner Verse aufstiegen.

1893 wurde Vladimír Vašek auf eigenes Ansuchen zur Post nach Brünn versetzt. Niemand wußte noch von seiner dichterischen Sendung und sollte von ihr auch noch lange nicht erfahren. Damals war Vladimír Vašek ein sehr genauer und gewissenhafter Postbeamter in Brünn; damals lebte er aber auch in Gedanken immer noch in der Welt der antiken Poesie und Philosophie, in die ihn sein Lehrer Masaryk, den er noch nach 50 Jahren einen unvergeßlichen Lehrer nennt, eingeführt hatte; damals war er, zwar in Brünn ansässig, in Schlesien zuhause wie selten jemand; damals war er einer von jenen Einsamen, die nächtlicher Weile roten Blutes erblühen; damals war er ein Ostrauer Bergmann, entschlossen, an der Spitze der Brüder in einem Aufruhr sondergleichen die fremden Bedränger zu verjagen und zu vertilgen; damals blies der Chamsin durch seine Seele; damals aber loderte in ihm auch die Traurigkeit der, wie er damals glauben mußte, zum Aussterben verurteilten Bevölkerung der Beskiden und er war einer von jenen Siebzigtausend vor Teschen, denen als Volk nur noch zu warten bleibt, »daß man uns wie Ochsen schlachtet«; damals wie immer lebte in ihm die verlorene, verratene und enttäuschte Liebe; damals lebte er in den einzigartigen, unvergeßlichen, erschütternden Schicksalen, die den Inhalt seiner einfachen und dabei monumentalen Balladen bilden; damals ging er mit dem Bruder Andres um, dem gewaltigen und so vertrauten Geist der Beskiden; damals war er schon

»Ich Petr Bezruč, ich von T eschen, Bezruč,
Landstreicher, irrsinnig, Dudelsackpfeifer,
toller Rebell und betrunkener Singer,
kündender Kauz auf dem Turm von Teschen...« 


So war er damals, für niemand erkennbar, für niemand erahnbar, allein mit seinen Dichtungen und dennoch alles eher als allein in Anbetracht all des Gesagten, er, der auf eigenen Wunsch nach Brünn versetzte Postbeamte Vladimir Vašek in seiner »Strafstation« auf dem Brünner Bahnhofspostamt.

»Ich war immer wie eine Fackel, die an beiden Enden brennt«, schreibt er in einem späten Brief 1933. Die beiden Enden, das waren Haß und Liebe, Kraft des Aufruhrs und Resignation der Trauer. »Manchmal«, fährt Bezruč in jenem Schreiben fort, »frage ich mich selbst: Wie hast du es nur aushalten können?« 

1899 war eine Reihe seiner Gedichte in der Prager Zeitung »Čas« erschienen. In dem gleichen Jahre hatte, wie schon erwähnt, Hanna Kvapilová bei einer Veranstaltung Verse von ihm rezitiert. Man hatte bis dahin in Prag von dem schlesischen Tschechen so gut wie nichts gewußt. Das Stoffliche aber war nur eine Seite des Problems. Seine Gedichte enthielten viel des formal Neuartigen, poetisch Besondern, wovon noch zu sprechen sein wird; sie waren heiß vom Atem des Aufruhrs. Bezruč war mit einem Schlage ein berühmter Autor. Trotzdem war er nach diesem Jahre verstummt und die Leser bestürmten die Zeitung vergeblich mit Anfragen, wann denn wieder Beiträge von Bezruč erscheinen würden. Jan Herben erzählt davon in einem Erinnerungsartikel zum 60. Geburtstag des Dichters in der »Prager Presse«. Bezruč glaubte nämlich bemerkt zu haben, daß verschiedene Brünner Literaten und Zeitungsleute seinem Pseudonym auf der Spur seien. Er schrieb an Herben, er wolle nie wieder etwas veröffentlichen. Es sei übrigens jetzt, da ein Volkstamm zugrunde gehe, anderes wichtiger als Dichten. Dieser seiner trotzigen Überzeugung gab er sogar in einer Gedichtstrophe Ausdruck, die er später in seinem Buche allerdings wieder unterdrückte. Nach einer langwierigen Korrespondenz gab er mit Widerstreben seine Einwilligung dazu, daß die Dichtungen, die Herben noch von ihm besaß, in einer »Schlesischen Nummer« des »Čas«, jedoch nur in einen sonstigen Text eingestreut, ohne jede Bezeichnung des Autors erscheinen dürfen. Es war jene denkwürdige Publikation vom Januar 1903, die zusammen 23 Gedichte enthielt; sie verrieten auch ohne Kennzeichen die Klaue des Löwen. Diese Gedichte bilden den Grundstock der 1909 zum erstenmal als Buch erschienenen »Schlesischen Lieder«, deren Titelblatt und Umschlag übrigens gleichfalls keinen Verfasser nennt.

Mittlerweile waren, größtenteils in der Beilage des »Čas«, doch nur weitere Gedichte Bezručs erschienen, und zwar 1902, somit bis zur Bereinigung der Frage mit Herben, unter der Bezeichnung »Dichter unbekannt«, später einzeln auch unter dem Pseudonym Smil z Rolničky, H. Černý, B. Čermák, B. Šárek. Einem kleineren Kreis mochte bekannt geworden sein, wer Petr Bezruč ist. In die breitere Öffentlichkeit begann das vom Dichter ängstlich gehütete Geheimnis erst ewa 1910 zu dringen.

So lebte denn der Postbeamte Vladimír Vašek in Brünn, der dichterisch sehr fruchtbare Jahre kannte, denn wer wollte leugnen, daß beispielsweise das Jahr 1906, in welchem auch nur eine, dafür aber die größte Ballada Bezručs: »Der papierne Mojschl« erschienen ist, ein fruchtbares Jahr für ihn gewesen ist? Seine Stellung im Amt, in das er schon eine ganze Reihe arbeitsreicher Jahre investiert hatte, kann nicht behaglich gewesen sein. Übrigens traten verschiedentlich auch Pfuscher auf und ließen durchblicken, sie seien Petr Bezruč. Der echte Bezruč kümmerte sich in seiner Anonymität nicht darum.

Dann kam der Weltkrieg und dann kam 1916 die Verhaftung Petr Bezručs und dessen Überführung in die Untersuchungshaft des k. k. Landwehrdivisionsgerichtes in Wien. Ein in Paris lebender Tscheche, Jan Grmela (nicht der in Prag lebende tschechische Schriftsteller gleichen Namens), der 1932 gestorben ist, hatte 1915 in der Pariser Zeitschrift »L'Independance tcheque« zwei bombastische Gedichte gegen Österreich veröffentlicht und, was bei der Unnachahmlichkeit der »Schlesischen Lieder« nicht weiter erstaunlich ist, stellenweise die Art des Petr Bezruč mit beträchtlichem Mißerfolg nachzuahmen versucht. Diese Gedichte waren — mit P. B. gezeichnet. Nun war P. B. schon die sehr bekannte Abkürzung des Namens Petr Bezruč. Es ist nicht ganz geklärt, welchen Teil der Schuld an dieser Mystifikation die Zeitschrift und welchen Teil daran Grmela trägt. Sechs Monate saß Bezruč im Wiener Gefängnis und zuletzt zusammen mit gemeinen Verbrechern einen Monat in Brünn. War er schließlich doch der Autor, der die heftigsten Gedichte gegen Marquis Géro, den Erzherzog Friedrich, geschrieben hatte. Wie sollte da die österreichische Militärjustiz nicht zugreifen? Die Anklage lautete auf Hochverrat und darauf stand der Tod. Bezruč, gegen den die Anklage nicht aufrecht erhalten werden konnte und den trotzdem zu treffen sich die Monarchie nach dem Gang der Ereignisse nicht mehr zutrauen durfte, hat später dieses Erlebnisses nur an einer einzigen Stelle gedacht. Im »Blauen Ordensband«, einem großen Poem, das 1930 erschienen ist, widmet er ihm zwei Zeilen; in der Aufzählung all dessen, was er im wesentlichen erlebt und erfahren hat, erwähnt er, er habe auch zu fühlen bekommen, wie sich ihm der Strick um den Hals windet.

Es ist selbstverständlich, daß nach dem Sturz der Monarchie die Tschechoslowakische Republik Petr Bezruč gerne geehrt hätte, wenn sich Bezruč hätte ehren lassen wollen. Aber abgesehen davon, daß außerhalb des Lebensraumes seiner Gedichte, also im bürgerlichen Leben, Bezruč nicht Bezruč sein wollte, jetzt ebenso wenig wie früher, hat ihn die seiner Meinung nach überflüssige Preisgabe und Abtretung treuen schlesischen Gebiets, eines Teils seiner Heimat, durch die tschechoslowakische Regierung an Polen vollends verbittert. Er behielt den gleichen Dienst beim Brünner Bahnhofspostamt, Abteilung für Reklamationen, wie bisher. Petr Bezruč, der im Winter in einer Brünner Vorstadt lebt und den Sommer immer zwischen dem heißen, fruchtbaren Südmähren und den heimatlichen Beskiden teilt, blieb auch nach seiner vor wenigen Jahren erfolgten Pensionierung der große Unbekannte. Jeder Kustos einer dortigen Volks- und Bürgerschule, womit dem Stande der Schuldiener nicht nahegetreten werden soll, ist in Brünn eine bekanntere Persönlichkeit als dieser in seinem äußeren Habitus denkbar schlichteste große Dichter. Dies zu erreichen, war auch eine Kunst und er übte sie unerbittlich.

Es gibt in der Tschechoslowakei eine ganze Reihe von Städten, welche Straßen oder Plätze nach Bezruč benannt haben. Die Prager tschechische Universität hat ihm das Ehrendoktorat verliehen, einen Titel, von dem er bestimmt noch nie Gebrauch gemacht hat. Die Gegend, in der seine Gedichte beheimatet sind, heißen im Volksmund »Bezručův kraj«, d. h. Bezručs Land. Man marschiert durch Gruň, eine reizvolle Ortschaft in den Beskiden, die Bezruč besonders liebt, sieht eine neue, im Vergleich mit der sonst ärmlichen Umgebung prächtige Schule und findet sie zu bleibendem Andenken mit der Aufschrift »Bezručova škola« bezeichnet. Von Gruň geht es talhinab nach Staré Hamry (Althammer). Hier wurde der Maritschka Magdonova, der Gestalt aus einer gleichnamigen Ballade Bezručs, die gerade da ihren tragischen Schauplatz hat, an der Außenmauer des Dorffriedhofs ein künstlerisches Denkmal gestellt. Unter der Gestalt des Mädchens, die reliefartig aus dem Stein hervortritt, sind in tschechischer Sprache die Verse zu lesen:

Unendlich dehnt sich der Wald Marquis Géros.
Sein Reich ist die Kohle, die Grabwelt der Eltern.
Da darf doch die Waise sich Holz in die Schürze —
was sprichst du, Maritschka Magdonova?


Die Worte, in Stein gemeisselt, üben an dieser Stelle, im Schöße der reichen Wälder, nahe den Weltindustrieorten Witkowitz und Mährisch-Ostrau, einen ungeheuer starken Eindruck, als wären sie in Stein gedacht, und so und nicht weniger hart von einem Dichter in die Welt gesetzt worden.

Zur feierlichen Enthüllung dieses Denkmals — die Wälder des Marquis Géro waren längst schon enteignet — wurde Bezruč eingeladen. Aber er blieb der Feier fern. Später einmal ist er dann, wie er gelegentlich erzählt, als einsamer Wanderer durch die vertrauten Beskiden vor dem Denkmal gestanden und es mochte ihm dort an der mit Quadern hoch ausgemauerten Ecke des Friedhofs von Alt-Hammer wie einem gewesen sein, der, gealtert, nach langer Wanderung sich selbst begegnet. In einem Brief an Jan Herben hatte Bezruč vor Jahren geschrieben: »Als ginge der Chamsin durch meine Seele (sit venia), so stürzen mir die Gedanken wie Wildbäche aus dem Gebirge hervor und ich bin dann eine halbe Stunde lang wie verbrannt. Ich glaube, daß, wenn ich fünf solche Gedichte nach einander schriebe, wie ,Das Schreckphantom' und ,Maritschka Magdonova', man mich direkt ins Irrenhaus überführen könnte.« 

Was ist nun das Besondere, das Petr Bezruč aus der Reihe der zeitgenössischen und zwar nicht nur der tschechischen Dichter hervorhebt? Er ist kein Literat, sondern ein Dichter. Dies gilt so durchaus, daß es ziemlich gleichgültig ist, wie man diese beiden Kategorien unterscheiden will. Die Literatur hat sich freilich seines Werkes bemächtigt und wird sich seiner immer mehr bemächtigten. Aber Bezruč selbst hat nie Freude darüber empfunden, sondern sich dagegen ehrlich gewehrt. Denn sogar ein Dichter war er nur wider Willen.

»Wohl strenge Götter haben verschränkt
mein Herz mit tönender Rinde,
vom Schmerz bedrängt, vom Rausch getränkt,
band ich mein Lieder gewinde.« 


Wie sollte der ein Literat gewesen sein! (Wir sprechen von ihm, als betrachteten wir Bezruč schon aus der Zukunft. So groß ist die Erscheinung dieses Dichters, daß wir uns zeitlich weit von ihr entfernt denken müssen, um sie ganz ins Auge fassen zu können.)

Alle haben recht: sowohl die, welche ihn einen »düstern erratischen Block« nennen, »der, als wär's durch einen Zufall, in ein gänzlich anderes Millieu verpflanzt worden ist, infolge seiner großen Schwere tief in das andersgeartete Erdreich einsinkend und in seinen Rillen die Spuren ferner Stürme und Gewitter tragend« (Ant. Veselý), als auch diejenigen, die in ihm einen »ausgesprochen modernen Dichter« erblicken (Miloslav Hýsek), der mit der tschechischen Poesie der Neunzigerjahre (mit den Symbolisten) zusammenhängt. (Sehr interessantes Material zum tiefern Verständnis dieser Verwandschaft hat F. X. Šalda veröffentlicht.) Recht hat auch Jan V. Sedlák, der in seiner ausgezeichneten Studie über Petr Bezruč davor warnt, diese Einflüsse zu überschätzen. Bezruč sei, was die Art seines dichterischen Erlebens anbelangt, ein Typ für sich, eine außerordentlich selbständige und in sich abgegrenzte Persönlichkeit. Recht hat V. Martínek, der in Bezruč die Personifikation des schlesischen Landes und dessen Schicksals sieht. Franz Werfel hat es in der schon erwähnten Vorrede zu den »Schlesischen Liedern« in seiner Art ausgedrückt: »Der Dichter hat im Auftrag gehandelt, er war das Instrument vertriebener Mächte, der Auserwählte grollender, längst geschlagener, uralter Götter, die sich noch einmal im Sturm zusammenballten und zu Raupten der vergehenden Sippen im letzten Weh zu heulen anhüben.« Recht hat auch Arthur Holitscher, der ihn als proletarischen Freiheitsdichter anspricht, und zwar als einen der besten, die heute leben. »Ich freue mich zu hören«, bemerkte er in seinem Artikel, »daß Bezruč lebt.« Recht haben auch die, welche diesen nationalen Dichter in einer Gruppe mit anderen unnachahmlichen Dichter gestalten anderer Nationen zusammenstehen sehen.

Wie jeder Dichter, hatte auch Bezruč bei all seiner Einmaligkeit und Besonderheit Vorgänger. Die tschechische Literaturhistorie nennt in diesem Zusammenhang als repräsentative Dichter der Neunziger jähre eine Reihe von Namen, wie: Sova, Březina, Hlaváček und andere. Aber es handelt sich bei diesen selbst nicht etwa um eine literarische Schule, sondern vielmehr um eine Gemeinsamkeit zeitgemäßer Lebensumstände, die sich wieder in einen gemeinsamen dichterischen Ausdruck, in den Stil, umsetzen. Wegen der (scheinbaren) Einfachheit und Einprägsamkeit seiner Dichtungen und wegen der volkstümlichen Elemente, die ihnen einverleibt sind, hat man seine Lieder auch der Volksdichtung zuzählen wollen. Aber Bezruč ist weder nur ein Volksdichter, noch auch ein bloßes Instrument, durch welches das Lehen und Sterben der schlesischen Tschechen in den Fabriken, in den Gruben, auf den kargen Feldern in die Welt hinaustönt, um als ein anklagender Ton über den Tälern der Beskiden schweben zu bleiben, sondern er ist ein voll bewußter, oder besser gesagt: außerdem auch ein voll bewußter, künstlerisch erfahrener Ton- und Gedankensetzer, ein weiser Erbauer von Versen, ein Kenner der seelischen Wirkungen der Sprache. Er ist ein Dichter von einzigartiger Prägung und Gewalt, den von den Zeitgenossen ein weiter Abstand trennt. Woher diese Kraft selbst kommt: fühlend und wissend Verse, Zeit und Leben zu gestalten, das erforschen zu wollen, ist nicht unsere Sache, wie es niemandes Sache ist.

Beachten wir ein wenig, wie Petr Bezruč selbst auf vorhanden Dichterisches reagiert hat. Da steht als erstes der »Schlesischen Lieder« das Gedicht »Die rote Blüte«:

In dunklem Fenster, in freundlicher Scherbe
stand düster ein rauher und stachliger Kaktus.
Einmal frühmorgens
sproß aus dem Stengel die hellrote Blüte,
hellrot ein Kelch.
Da war ein Dichter mit anderen Augen,
der liebte die duftenden, prachtvollen Rosen.
Tönenden Wortfalls
lobt' er die Rose und schmähte erhaben
den roten Kelch.
Sind rauhe Seelen, sind einsam geschritten,
Spitzen und Stacheln quollen nach außen.
Waren sie herzlos?
Blühten sie einmal, schau, blühten sie nächtens,
war's roten Blutes...


In dem »Dichter mit anderen Augen« wird die Art des lange vor Bezruč verstorbenen Čelakovský (1799 — 1852) getroffen und als eine der »rauhen Seelen« sieht sich in diesem Gedicht Bezruč selbst.

In den Strophen »An den Leser von Gedichten« spottet Bezruč der Dichter, die, wenn sie Glück oder Pech in der Liebe haben, es unverweilt dem Publikum ins Ohr flöten. Dies ist aber nur der negative Teil des Gedichtes, das mit einer großartig bitteren Wendung schließt. Vielleicht, fährt Bezruč fort, liest einer auch die meinen, vielleicht steht ihm das Herz einen Augenblick lang still, wenn er begreift:

»wie herrlich bei meiner Verse Klang
der Bergmann stirbt aus dem Lichte —
Was willst du, Rhapsode, verzweifelt und bang?
Noch lesen die Leute Gedichte.« 


In der dreiteiligen Dichtung »Ich« mit ihren schaurigen Visionen sieht er auch

»— — die Dichter vom Moldaugelände,
die in der Liebe Paris hat erzogen«,


sieht er die tschechischen Symbolisten, die, von französischen Vorbildern belehrt, auf eine verschüttete Liebesbeziehung zwischen Mann und Weib besonders empfindlich und differenziert reagieren. Bedarf es mehr der Nachweise, wie sehr sich Bezruč von der Dichtung, die er vorgefunden hatte, hinwegsehnte?

Dessenungeachtet ist seine Herkunft von den Symbolisten unleugbar. Die Symbolisten haben die Sprache verfeinert, die Musik der Verse kontrastreicher, die Reime erregender gestaltet. Auch war der Sinn der tschechischen Symbolisten oft genug auf die Herbeiführung glückhafterer Zustände gerichtet. Übrigens gaben die Symbolisten ihm, dem sozialistischen Erfahrungsmenschen, die Freiheit zu jener grandiosen Selbststilisierung, die in der Dichtkunst der Völker nicht ihresgleichen hat.

Mit dem nur um wenige Jahre älteren, aber schon verhältnismäßig lange vor ihm berühmten J. S. Machar verbindet ihn ein Gefühl der Freundschaft und Verehrung. Machar in seiner guten Zeit — das war Sachlichkeit und gesunder Erdensinn. Er war der Stolz der Realisten. Bezruč hat ihm vier Glückwunschgedichte gewidmet und in seinem Brünner Wohnzimmer hängt Machars Bild sowie das Masaryks, Tolstois und seines Vaters. Das will sagen, daß er, wenn schon von Lehrern gesprochen werden soll, vor allem in diesen seine Lehrer sieht.

Es ist klar: Mit der bloß künstlerischen Betrachtung kommt man bei Petr Bezruč nicht aus, wenn man das Besondere seiner Dichtung ausdeuten will. Bezruč ist ein eminent politischer Dichter. Wie kaum einer vor ihm ist er ein Dichter der Masse. Wie keiner vor ihm hat er das Bewußtsein seiner bürgerlichen Existenz in seiner Dichtung ausgelöscht und ist zum Sprecher, Künder und Propheten eben dieser Masse geworden. In Schlesien ist der nationale Kampf ober- und unterirdisch seit gut 600 Jahren nicht zur Ruhe gekommen. Dieses Land zwischen den Ländern war im Laufe der Jahrhunderte ein immer wieder verschachertes Gebiet, eine Art Kolonialland, und in einem solchen pflegen die Geldinteressen alle anderen zu verdrängen. In der Zeit vor dem Weltkrieg war es die österreichische Bürokratie, deren administrativer Wille dort den Ausschlag gab und dieser war freilich ganz und gar nicht der Wille der tschechoslawischen Arbeitskraft Schlesiens. Im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, somit zu der Zeit, da die »Schlesischen Lieder« entstanden sind, hat der Widerstand gegen den Druck der Obrigkeit besonders heftige Formen angenommen. Es war nicht nur ein Kampf hier gegen die Germanisierung der Schule, dort gegen die Polonisierung der Kirche, sondern auch und vor allem gegen die rücksichtslose Ausbeutung in den Gruben der fremden Aktienbesitzer und in den erzherzoglichen Forsten. Es war ein Kampf ums Brot, ein Kampf gegen den Hunger, ein erbitterter Kampf um die Menschenwürde. Die Jahre 1891 und 1894 leben als blutige Aufstandsjahre in der Erinnerung der Leute. In Petr Bezruč ist ihnen ein Dichter, ist ihnen ihr Dichter erstanden. Und seltsam verwandelt sich in seinen Gedichten sein Leben in das ihre und ihr Leben in das seine.

»Wie, wenn ich die verruchte Lampe im Stollen zerschmetterte,
den geknechteten Nacken hoch aufrichtete,
die Linke ballte und gradehin schreitend
im Halbkreis von Erden empor bis zum Himmel
den Hammer erhübe mit schrecklichen Augen
droben zur Sonne Gottes!« 


Wer spricht hier? Vladimír Vašek? Oder ein Bergmann aus Dombrau, aus Orlau, aus Poremba, Lazy? Ein Namenloser spricht da. Einer von Vielen. Petr Bezruč.

Und aus ihm sprechen die großen Drei: Liebe, Aufruhr gegen eine ungeheuerliche Ausbeutung, Kampf um die nationalen Lebensrechte. Als das Beste, Schönste, Natürlichste, am meisten Liebenswerte erscheint ihm das Mädchen (die devucha). Nicht irgendwelche, sondern eigentlich immer die eine, die ihm, wie die Jahre gehen, in mancherlei Gestalt entgegentritt. Und das Schlimmste, Finsterste, Häßlichste, Gefährlichste, das am meisten Haßenswerte blickt ihm aus der Frage entgegen:

»Glaubst du, wer Gruben hat, der hab ein Herz auch
deinem gleich, Maritschka Magdonova?« 


In vielen seiner Gedichte, nicht nur in seiner Bekenntnislyrik, die nur sehr spärlich vorhanden ist, da sich der Dichter nicht offen zu zeigen wünscht, wird klar, daß, wie bei allen großen Dichtern auch bei diesem sozialistischen Dichter das Liebeserlebnis auf dem Grund seines Erfühlens und Erkennens ruht.

»Hoj, du Mädchen hochgebaut,
hoj, erblühte Schneeballstaud',
Mohelnitza, wild und traut!« 


Mohelnitza ist ein Wildbach in den Beskiden. Das Land und die děvucha werden eins. In allem freut sie sich, in allem leidet sie.

»Schwarze Rübenfelder gradhin eilen;
rötlichblondes Mädchen gräbt die Zeilen,
einmal wird sie einer holen. Wetten!« 


So ist es an der Hanna. Und in Hultschin, wo ihn ein warmes Heimatgefühl überkommt, erinnert er sich:

»Dort, wo vor Teschen die Lucina flüstert,
erwuchs mir ein Mädchen, das hat mich verdüstert« 


Solcher Stellen gibt es viele. Man hegreift wieder einmal, was es heißt, einen Ort, ein Land mit den Augen der Liehe zu sehen. Sogar der Tod erscheint dem Dichtermenschen, der die Marter, die seinem Volk auferlegt sind, im Innersten leidet, in Mädchengestalt:

»Einmal, o einmal wirst du mich holen,
Mädchen mit dunkeln, glanzlosen Augen,
mit Mohn in Händen —
Weiter saust immer die Peitsche, weiter wird man uns würgen
hei Oderberg und in Hruschau, in Leuten, in Baschka,
ich höre nichts mehr, mich kann es nicht stören —
nichts mehr kann mich stören.« 


Das ist eine ganz andere Note als die, welche den Symbolisten der Neunzigerjahre eigen war. Sie ist auf das Konkrete gestimmt, das ist hier auf das soziale und nationale Erleiden der schlesischen Tschechen. Selbst dort, wo Bezruč nur dies und nichts anderes meint, schwingt der Cello-Ton der Liebe mit. Dieses Grundgefühl, denn um ein solches handelt es sich und nicht etwa nur um eine seicht dahinplätschernde Verliebtheit, bewahrt ihn davor, daß er sich, wie es in der »Tendenzdichtung« sonst häufig genug der Fall ist, an Abstraktes verliere. Es bewahrt ihn vor der Gefahr der Schematisierung und Typisierung des Ideellen. Im Mittelpunkt seiner Dichtung steht immer ein konkretes menschliches Erleben und nicht etwa bloß eine thematische oder Ideenkomposition. Mit Recht bezeichnet Jan V. Sládek dies als ein Gesetz seines Schaffensprozesses und als einen Schlüssel zum Verständnis der außerordentlichen Wirksamkeit der »Schlesischen Lieder«.

Die Sprache ist nichts Absolutes. Sie lebt durch diejenigen, welche sie sprechen und ist durch sie abhängig von den sozialen Gegebenheiten, denen sie unterworfen sind. Dieser Tatsache hat Petr Bezruč in seinen Dichtungen schöpferisch Rechnung getragen. Wie sehr aber auch das Grundgefühl der Liebe, von dem vorhin die Rede war, ihn mit dem Herzen auf die Sprache hinhorchen lehrte, lassen die folgenden Verse aus einem seiner frühen Gedichte »Nur einmal« erkennen:

»— — — —
Ein flüchtig scheuer Blick,
der mehr verriet als selbst die süßen Worte,
die sie mit süßem Schalle sprach,
wie man daheim bei uns in Teschen spricht,
begleitet ihr Gespräch. —
Und ich, der ich schon ausgetrunken hab'
bis auf die bittre Hefe meinen Becher,
aus meinem Buch getilgt die weißen Seiten,
ich sprach mit rauher Kehle,
wie dort sie sprechen, die geschwärzten Männer,
tief unter Ostraus Hängen:
— — — —«


Dies war in der ursprünglichen Ausgabe der »Schlesischen Lieder« das einzige eigentliche Liebes gedieht. Es ist schon 1899 im »Čas« veröffentlicht gewesen. Später folgten, mit ähnlicher Deutlichkeit, vielleicht nur noch »Labutinka« (Schwanenmädchen) 1904 und »Nový mlýn pod Brnem« (Neue Mühle unterhalb von Brunn) 1935.

Diese eigentlichen Liebesgedichte sind schön und ergreifend, aber groß, stark, überwältigend werden erst diejenigen Gedichte, in welchen die großen Drei, von welchen die Rede war, gemeinsam einherschreiten. Die Stimme der Liebe wird dann nur eine von vielen in der lebensvollen und kontrastreichen Symphonie des schlesischen Tschechentums. Denn immer bleibt Bezruč vor allem der Barde des sozial und national geknechteten Volks.

Die Generation der Neunzigerjahre kannte schon das gesteigerte soziale Mitgefühl in der Kunst und hat der Unterdrükkung den Stolz entgegengesetzt. Petr Bezruč aber kennt schon den  Kampf. Und er sieht die Dinge nicht abstrakt, weder »allmenschlich«, noch »im Weltmaßstab«. Ihn erfüllt ganz und gar das reale Leid seiner schlesischen Heimat.

»Dort unter den Bergen, unter den hohen,
mit ihrer Wolkenverwandtschaft,
erfüllt sich die unbeschreibliche,
unaussprechliche, unvergleichliche
Not der erhabenen Landschaft.« 


Andere Dichter flüchten in die Kunst um ihres Friedens, um ihrer Befriedigung willen; dieser stürzt sich in sie als in ein Kampf getümmel. Oft weissagt er seinem Volke den blutigen Endsieg. Dann wieder verläßt ihn die Kraft.

»So auch ich das Wenige singe,
um dem Volk die Nacht zu färben,
damit es auch uns gelinge,
leichter bei Musik zu sterben.« 


Aber die Wellentäler seiner Entmutigung lassen nur die Wellenberge seines feurigen Willens umso höher erscheinen und die Herzen umso heftiger schlagen. Um sich den feindlichen Gewalten gewachsen zu fühlen, vertausendfacht er seinen Trotz und erhebt den Haß in seinem Innern zur höchsten Potenz. In einer einsamen Nacht sieht er den Dämon, den gestürzten Engel, und dieser

»— schlug auf den Felsen.
Da sprang aus dem Steine der häßliche Seher,
im Joche erwachsen, aus wankendem Blute,
den Mond anschluchzend, die Sonne verfluchend.
Mit eherner Faust bis zum Himmel ausholend
streckt er die Mörder, trotz allem Gedränge
der knieenden Sklaven ringsum vor Teschen
nieder zu Boden, voll Zornes und Trotzes,
der ihm vom Dämon verliehenen Mitgift, —
dem Fels entsprang: ich!« 


Petr Bezruč ist der Bergmann, der, nachdem er »ein stummes Jahrhundert im Schachte verlebt« hat, den Grubenherren mit dem Hammer droht; Petr Bezruč ist einer der siebzigtausend Tschechen vor Teschen, der sein trunkenes Lied der Verzweiflung singt; Petr Bezruč hält Zwiesprache mit dem Berggeist Andres und klagt ihm das Leid des Landes; Petr Bezruč ist ein Gekreuzigter zwischen Ostrau und Teschen, zwischen Lippina und der Lysa; Petr Bezruč ist mit Maritschka Magdonova, der treuen; mit Bernard Žár, dem ungetreuen; mit Dulava Jura und dem Kantor Halfar, den unglücklichen; Petr Bezruč ist der Sklave, der sich in der Arena dem Thrazier Germanus und dem Nubier Pol gegenübersieht; Petr Bezruč ist Leonidas, der aus Wunden blutend den Übergang über die Olsa verteidigt; Petr Bezruč ist der Nachfahre bäuerlicher Menschen, den in der Stadt die Sehnsucht nach dem Pflug befällt; Petr Bezruč ist wie die schlesischen Forste, die auf Befehl der Wiener Herrschaft langsam und ruhig zu Grunde gehen. Dies und vieles andere noch ist Petr Bezruč und in allem ist er — er selbst.

In einer weisen und spannenden Abhandlung hat F. X. Salda über die dichterische Autostilisierung bei Petr Bezruč geschrieben. Jeder Dichter erschafft gewissermaßen zuerst sich selbst als denjenigen, dem er seine Worte in den Mund legen kann. So und nicht anders, als eben Dieser will er von der Welt begriffen sein. Von Bezruč sagt Šalda, er habe die Maske der verzweifelt um ihren Platz im Leben ringenden, besonders gefährdeten Söhne seines Volkes angenommen. Diese Maske habe sich seinem Antlitz so fest aufgeprägt, daß sie mit ihm eins geworden ist. Vom Symbolismus der Dichter, die Bezruč antraf, als er sich seiner dichterischen Sendung bewußt wurde, war schon die Rede. »Aber der Symbolismus«, sagt Šalda, »hat die Autostilisierung dieser Dichter nur schwach und wenig durchdrungen. Er hat weder die starke Vitalität, noch die abgründige Schrecklichkeit, noch die wahnsinnige Unabweislichkeit, wie sie der symbolistischen Autostilisierung Petr Bezručs eigen ist. Die Möglichkeit zu dieser verlieh ihm seine Anonymität, seine Minierarbeit in der Finsternis. Als Bergmann, als Dichter-Bergmann, hat er sehr lange im finstern Stollen gearbeitet. Was in solchem Dunkel geboren wird, trägt für immer dessen Spuren. Unter den Autosymbolen Bezručs sind manche so entsetzlich und grauenerregend, daß kein lebender Dichter sie mit seinem bürgerlichen Namen hätte unterschreiben können. Bezruč hat in einem Brief nach Iglau 1919 geschrieben: »— Was ich gesagt habe, konnte nur Sprache eines Namenlosen sein. Als dann menschliche Neugier begann, mir hinter die Maske zu schauen, hatte ich nichts mehr zu sagen.« »Damals«, sagt Šalda, »hat Bezruč die reine Wahrheit gesprochen. Denn nur das Dunkel der Anonymität hat ihm diese gigantische Autostilisierung ermöglicht.« 

Sein Pseudonym hat Petr Bezruč von Anfang an ängstlich gehütet und schwer daran getragen, als es schließlich aufgedeckt wurde. Sedlák zitiert in der schon erwähnten Schrift einen Brief Bezručs, in welchem von der »unerhörten Niedertracht dieses Lumpen, dieses Zeilenschinders« gesprochen wird. Noch 1930 schreibt Bezruč in einem an Sedlák gerichteten Brief, daß er zwar mit dem Alter manche Stacheln verloren habe, »damit freilich kann ich mich nicht abfinden, daß ich gegen meinen Willen eine persona publica geworden bin«.

Die Wahl des Pseudonyms liegt im Wesen dieses Dichters tief begründet. Wahrscheinlich haben dabei auch äußere Gründe mitgespielt. Bezruč hat seinen Vater früh verloren. Es mag sein, daß der Sohn den Namen des geliebten Toten nicht für sich in Anspruch nehmen wollte. Auch stand Vladimir Vasek im Staatsdienst. Es ist zwar später ruchbar geworden, wer Petr Bezruč ist; bei der Natur der »Schlesischen Lieder« ist es aber allzu verständlich, daß ihr Dichter so lange als möglich unerkannt bleiben wollte.

Sein Element war immer schon die Einsamkeit; diese war gewissermaßen das Opfer, das ihm auferlegt war. Sein Werk war seine Tat; obwohl er nur dichtete, fällt es schwer, ihn bloß einen Dichter zu nennen. Sein Dichten und Trachten war eine in jeder Hinsicht verschworene Angelegenheit. Er war isoliert und mußte seinen Kräften zuliebe dicht halten. Es ist auch immer darauf angekommen und wird in aller Zukunft darauf ankommen, wie der Dichter (und überhaupt der Künstler) in das herrschende System eingegliedert ist. Petr Bezruč, so wird man einmal sagen, konnte kein offen umgänglicher Zeitgenosse sein. Er trug der Gesellschaft gegenüber die gleichen Widerstände und Vorbehalte zur Schau wie jedes der unterdrückten Subjekte seines Stammes, das mit ihr konfrontiert worden wäre. Das Pseudonym war ein Mittel, sich als Dichter wider Willen von der Gesellschaft und ihrer Literatur persönlich zu isolieren.

Es ist wahr: Gedichte von Bezruč sind auch einzeln oder mehrere oder alle zusammen in teueren bibliophilen Ausgaben erschienen, die er zwar nicht selbst veranstaltet hat, zu denen er aber zumindest seine Zustimmung gegeben haben mußte. Aber ist auch dies nicht letzten Endes ein Zurückweichen vor der Öffentlichkeit, die es wenigstens nicht leicht haben soll, zu der Dichtung Zugang zu erlangen? Und was die Gedichte selbst anbelangt, so sind diese in einem solchen Falle erschienen und gewissermaßen doch auch wieder nicht erschienen.

Das Pseudonym Petr Bezruč ist ein Kunstwerk. Der Dichter verwendet in den »Schlesischen Liedern« sehr oft Namen von unwiderstehlicher Prägnanz. Seine Dichtung beginnt schon mit dem Titel. Und es bedeutet keine Beeinträchtigung seiner Meisterschaft, daß diese Namen in seiner Heimat so oder ähnlich tatsächlich vorkommen. Auch der Name Bezruč ist nicht erfunden, sondern nur gefunden. Es ist geäußert worden, daß eine Jugendgeliebte des Dichters in Friedek, eben jene, deren er in manchen seiner Gedichte schmerzlich gedenkt, Dorotka Bezručova geheißen habe. Bezruč selbst hat die Vermutung, daß dies der Ursprung seines Pseudonyms gewesen sei, unwirsch abgelehnt.

Wie es scheint, haben hier mehrere Umstände zusammengewirkt. Wörtlich übersetzt heißt Bezruč »Ohnhand«. Die Zeile: »ein Kohlenklotz schlug mir die Linke vom Leibe« ist schon zitiert worden. Fr. Frydecký versucht in seiner Schrift über das Pseudonym Vladimír Vašeks (Petr Bezručs) auch den Vornamen Petr aus dem gleichen Gedicht (»Ich«) zu erklären. Dort heißt es vom Dämon: »Er schlug auf den Felsen ...« und zum Schluß: »dem Fels entsprang: ich!« Bezruč war in seiner Prager Universitätszeit auch Hörer der klassischen Philologie. Der Felsen heißt aber griechisch: he pétra. Daher: Petr.

Bezruč ist nur einem kleinen Kreis von Menschen persönlich bekannt. Außer diesen Wenigen, die auch sein Dichtertum kennen, weiß niemand, wie er aussieht. In Prag hat vor Kurzem eine Ausstellung stattgefunden: Mácha in der bildenden Kunst. Der tschechische Dichter Karel Hynek Mácha ist vor hundert Jahren, 1836, gestorben. Er war sehr jung, sehr arm, und man wußte noch nichts von ihm. Aber er selbst hatte sich schon gefunden und ahnte zutiefst, wer er war. Hundert Jahre nach seinem Tode wird er als der Begründer der modernen tschechischen Poesie gefeiert. Es gibt kein authentisches Bildnis von ihm. In den Illustrationen und Bildern der verschiedenen Epochen erscheint Mácha in immer wieder anderer Gestalt. Auch was den ausgestellten preisgekrönten Denkmalsentwurf für die Stadt Leitmeritz anbelangt, wo der junge Mácha gestorben ist, kann sich der Bildhauer auf keine Überlieferung berufen. Die Daguerreotypie war damals gerade erst erfunden worden. Der Bildhauer hat die Gestalt aus den Werken des Dichters geweckt und die Jury von der hohen Wahrscheinlichkeit seiner Darstellung zu überzeugen vermocht. Auch von Petr Bezruč gibt es kein Bildnis. Die Kunst des Photographierens feiert Triumpfe. Und die Porträtmaler — was gäbe ein Porträtmaler darum, wenn er den großen Unbekannten malen oder zeichnen dürfte! Einer Ausgabe der Slezské písně (1928) ist das Bildnis eines Mannes von etwa 40 Jahren beigegeben, der als »Schlesischer Typ« bezeichnet wird. Das ist alles. Die Leser mögen erraten, wer sie in diesem Typus grüßt.

Ein Schriftsteller, der einmal nach jahrelanger freundschaftlicher Korrespondenz von ihm empfangen wurde — wie konventionell ist dieses Wort und wie wenig am Platz für jenes ungemein einfache Beisammensein — schildert Petr Bezruč folgendermaßen: »Man sieht Bezruč nicht an, daß er nah an die Siebzig ist. Er ist auffallend hoch gewachsen, ganz und gar ungebeugt und ohne eine Spur von Greisenhaftigkeit in seinem Äußern. Sein Kopf ist eckig modelliert; er trägt einen kurzen ungestutzten Schnurrbart. Seine Haut ist wetter gebräunt. Die kräftige, zum Rundkopf passende Nase ist großporig, fast schon narbig. Die Haare sind kurz geschoren und bilden graue Stoppeln. Man stellt sich ihn am besten als Mitte zwischen Knut Hamsun und Detlev von Liliencron vor, die man von Bildern her kennt. Überhaupt sieht er eher aus wie ein pensionierter General denn wie ein pensionierter Beamter. Seine Stimme ist ein wenig gepreßt. Noch eines fällt auf, nämlich sein ständiges Augenzwinkern und ein nervöses Zucken des Kopfes, wie ein hartes abruptes Nein.« 

Man wird dereinst in fernen Jahren bestrebt sein, sich ein Bild von der Person des Dichters Petr Bezruč zu machen. Möge er einen Bildhauer finden, wie Balzac in Rodin den seinen gefunden hat.

Es gibt Analogien für Bezruč, wenn auch nicht mit den Dichtern der Neunziger jähre und auch nicht mit den zeitgenössischen tschechischen Dichtern. Bei einer Gedenkfeier für den eben genannten Dichter Mácha im Prager Nationaltheater sind Gedichte moderner tschechischer Lyriker rezitiert worden, die sich gerne die Gesellen des toten Meisters nennen hören. Bezruč war nicht darunter. Trotz der Verschiedenheit ihrer Veranlagung, ihres Temperaments und ihres Schicksals ist aber Bezruč heute der einzige legitime Nachfolger Máchas. Bestimmt steht auch er am Ende einer Epoche. Vielleicht beginnt auch mit ihm ein neues Jahrhundert der tschechischen Poesie.

Mácha kam direkt von Byron. Das lag in der Zeit. Aber Byron ist nicht tot. Man kann ihn auch in Bezruč noch lebendig finden. Byron ist im Freiheitskampf gefallen. Bezruč lebt. Freilich behielt er im Freiheitskampf vom Leben nur die Trauer und die Einsamkeit für sich.

»So leben zu Ende die Dichter auch,
verklungen sind ihre Saiten,
Trauer als Ausgeding tragen sie mit
in all ihre einsamen Zeiten.« 


Es klingt paradox: Dieser politische Dichter war eigentlich kein politischer Mensch. Von irgendwoher hat die Skepsis sein verwundbares Innere befallen. Sie ist die Krankheit seines Herzens und läßt ihn, der sich mit Titanenmut gegen die Hydra der Unterdrückung rüstet, oft genug beklagenswert erscheinen. Ist ein Dichter im Grunde nicht immer einsamf Muß er es nicht seinf Ist dies nicht das Opfer, das die Kunst von ihm verlangt? Darf er aber auch, was er muß? Darf jemand, sei es auch für die Kunst, einsam sein wollen? Ist Einsamkeit nicht eine große Sünde? Ist aber Kunst, welche der Einsamkeit bedarf, nicht wieder das Gegenteil von Sünde?

Durch die Fugen zwischen diesen in einander greifenden Fragen hat die Skepsis Eingang in ihn gefunden. »Ich glaube nicht an die Führer«, schreibt er in einem Brief an den Verfasser.

Für den politisch einsichtigen Beurteiler bergen diese Fragen keinen Widerspruch. Petr Bezruč war eins — und das ist viel mehr als nur einig — mit den Arbeitern im Ostrau-Karwiner Kohlenrevier, in den Forsten des Marquis Géro, auf den armseligen Feldern in den Beskiden, mit den Kindern, denen die Faust der Fremden die Muttersprache aus dem Mund reißt. Insoferne war Petr Bezruč nicht einsam. War er doch der Sprecher einer Klasse, eines Volksstammes, Träger der Geschicke dieser Menschen. Ein Ostrauer Bergmann verkündete er:

»Einst hüllt sich die Stunde in Feuer und Glut,
einst kommen wir Abrechnung halten!« 


Aber den Weg dahin wußte er nicht, wollte ihn nicht wissen. Er verbrannte in seiner glühenden Kunst.

»Wer springt in die Bresche,
wer hebt meinen Schild?« 


Darin war er einsam. Das Volk hat ihn dennoch begriffen. Sein Werk hat geholfen, die Dinge zu klären und die Entwicklung vorwärtszutreiben. Es trägt den Keim der Fruchtbarkeit für künftige Zeiten in sich.

Es gibt politische Dichter, man kennt sie, die an Bezruč nicht heranreichen, die aber auch politische Menschen sind und infolgedessen den Weg sehen und angeben können, der zur sozialen und nationalen Befreiung führt. Es sind Dichter dieses Jahrhunderts. Das vergangene Jahrhundert, das noch tief in unsere Epoche hineinragt, hat aus den Dichtern Skeptiker und einsame Menschen gemacht. Ihre Einsamkeit ist keine Schuld. Sie ist ein Erbe.

Kommt also noch ein Bezruč in der neuen, allen Schrecken zum Trotz nicht mehr hoffnungslosen Zeit? Sicherlich nicht. Aber andere werden kommen. Bezruč wird ihnen den Weg bereitet haben, er, der ein Künder des Zieles war und über dem Weg verzweifelte.

Auch diese Dichter werden die Einsamkeit kennen. Die Einsamkeit des Zeugens, von der die Tragik genommen ist.

In einem Nachruf auf Karl Kraus hieß es: »Unter irgend einem ,politischen' Gesichtswinkel die Ereignisse zu sehen, war ihm fremd. Er hat nie anders als persönlich empfunden.« Mit Karl Kraus, diesem politischen Schriftsteller, der auch kein politischer Mensch war, hat Petr Bezruč noch manches gemein, so die Liebe zur Sprache und die Abneigung gegen die Presse.

Es gibt im Reich der Dichtkunst Verwandte Bezručs. Man muß sie nur nicht unbedingt nahe suchen. Da wurde 1431 in Paris einer geboren, der hieß dann später Franqois Villon und war ein Kerl und Gedichtmeister. Paul Zech nennt ihn in einem Vorwort zu den von ihm ins Deutsche übertragenen Balladen (freilich nicht ohne Übertreibung) den ersten proletarischen Dichter und sagt, daß er »die Spannungen der inneren Gesichte aus der grausamen Wirklichkeit des Alltags bezog und sie zu einer originalen Ausdrucksform verdichtete.«  Wüßte man nicht, daß diese Worte dem Villon gelten, könnte man sich sie ganz gut auf Bezruč bezogen denken. Zwar hätte nicht ein einziges Wort von Villon auch Bezruč niederschreiben können, dazu war ihr Leben zu verschieden; aber in der Kraft der Dämonie, in der dramatischen Art der Gestaltung, in der Kampfstellung gegen die Geld- und Machthaber ihrer Zeit stehen beide auf der gleichen Ebene.

Wir sehen, wenn wir Umschau nach Verwandten des Petr Bezruč halten, nicht lange nach dem Fall der bayrischen Räterepublik einen unbekannten Deutschen in Mexiko an Land gehen und bei den »Muchachos«, den indianischen Sklaven des Landes, unter dem Namen B. Traven ein neues Leben als Schriftsteller beginnen. Mit dem »Totenschiff« nimmt 1926 die Reihe seiner populären Romane den Anfang, jedes Buch Aufruhr und Anklage, jedes ein Stück Zeit. Die Bücher erscheinen, sorgfältig ausgestattet, in der Büchergilde Gutenherg, mit Umgehung des freien Buchhandels. Eine wahre Jagd der Neugier setzt ein, um herauszubekommen, wer in Mexiko sich hinter dem Pseudonym verbirgt. Den literarischen Verfolgern geht der Atem aus. Traven weiß sich ihren Nachstellungen zu entziehen. Zum Unterschied von Bezruč ist Traven ein sehr produktiver Schriftsteller. Nicht jedes seiner Bücher ist jeder Zoll ein Kunstwerk. Aber als Ganzes genommen ist sein Werk ein wichtiger Posten im zeitgenössischen Schrifttum.

Da sitzt auch ein Dichter auf seinem Gut Nörholm bei Grimstad in Norwegen. Er ist acht Jahre vor Bezruč geboren, war in seiner Jugend Arbeiter, Straßenbahnschaffner, Redakteur und wurde ein sehr beliebter und berühmter Romanschriftsteller. 1920 hat er den Nobelpreis erhalten. Auch er, auch Knut Hamsun, lebt in strenger Weltabgeschiedenheit. Er ist ewig auf der Flucht: vor den »Journalisten«, vor Störenfrieden jeder erdenklichen Art, vor seiner Familie, vor sich selbst. Es leidet ihn weder in seinem weitläufigen Landhaus, noch in seiner primitiven Blockhütte im Park von Nörholm. Um an seinen Romanen arbeiten zu können, reist er für Wochen und Monate nach norwegischen Küstenorten und logiert sich allein in fremden Gasthöfen ein. Es gibt eine Schilderung von Walter Seidl, »Erlebnis im Hause Knut Hamsuns«, ein Erlebnis des Hamsunschen in Hamsuns Abwesenheit. Im Grunde genommen handeln alle seine Romane von Menschen, die im Leben nicht heimisch werden können. Es wäre töricht, den Zauber seiner Dichtungen nachträglich leugnen zu wollen. Aber dieser Zauber verblaßt vor der Tatsache, daß sich Hamsun auf der Flucht vor der sozialistischen Realität des Lebens dem Faschismus in die Arme geworfen hat. Hamsuns Welt it eine Fata Morgana. Bezručs Welt ist ganz und gar diese Welt. Beide sind Einzelgänger. Ihre Wege jedoch sind verschieden. So verschieden wie Dagny Kielland und Maritschka Magdonova.

Villon, Byron, Mácha, Traven — sie stehen in dem Kreis, dem auch Petr Bezruč zugehört. Das Gewissen zaudert, auch Karl Kraus zu ihnen zu zählen. Mag das künftige Jahrhundert entscheiden, wieviel das siegreiche ihm von seinen Alterssünden verzeihen kann. Knut Hamsun aber wird man immer anderswo suchen müssen.

Die Skepsis, jenes unselige Erbe der abgewirtschafteten und sich im Todeskrampf ans Leben klammernden Epoche, hat bei Petr Bezruč verruchte Blüten getrieben. Sie dürfen nicht verheimlicht werden, wenn der ganze Bezruč sichtbar werden soll. Es handelt sich um Bezručs schele Beziehung zur Sowjetunion und um Bezručs Antisemitismus. Was das erwähnte Mißverhältnis zu Sowjetrußland anbelangt, so wird man in den verschiedenen Ausgaben der »Schlesischen Lieder« seit 1917 keine Anspielung darauf finden, außer etwa nur in dem Gedicht »Kalina II« (Der Schneeballenstrauch, II. Gedicht); im russischen Volksliedton wird der ukrainischen Steppe gedacht, wo der Schneeballenstrauch das Grab so manchen Kämpfers um die verlorene Freiheit beschatte. Ein weiteres Gedicht »Svatá Rus« (Das heilige Rußland) wird in der Broschüre von Adolf Veselý »Petr Bezruč, Mensch und Dichter«, die 1927 erschienen ist, mitgeteilt. Wiewohl dieses Gedicht der Angabe Veselýs zufolge schon 1923 geschrieben wurde, ist es von Bezruč in keine der seither erschienenen vier Ausgaben der »Schlesischen Lieder« aufgenommen worden. Daraus ist zu schließen, daß Bezruč es in sein Werk nicht aufgenommen haben wünschte. Aber geschrieben hat er es und seinen Freunden mag auch sonst bekannt sein, daß ihn, wie Veselý es in seiner Schrift ausdrückt, »die russische Frage schmerzlich berühre«. Das erwähnte Gedicht sagt nicht mehr und nicht weniger, Dostojewski habe die Russen in den »Dämonen« richtig eingeschätzt; es mangle ihnen das Gefühl der nationalen Ehre. So wie sie einst auf Befehl des Zaren Alexander gegen Konstantinopel und die Bulgaren oder auf Befehl des Zaren Nikolaus des Zweiten gegen die Japaner gezogen sind, so seien sie jetzt (1923) bereit, sich unter Trotzki, dem Juden, einem Feldzug gegen Frankreich und Belgien anzuschließen. Deutlich mißverstand Bezruč die damalige Ära der außenpolitischen Beziehungen zwischen der Sowjetmacht und dem republikanischen Deutschland. Und doppelt mißverstand er die Machtstellung Trotzkis. Was aber war ihm »die russische Frage«, von der Adolf Veselý spricht?

Bezruč fürchtet, daß unter dem Einfluß der sozialen Revolution und der Diktatur des Proletariats in dem großen Umbau der Gesellschaft der Begriff des Nationalen verwischt werden und verschwinden könnte. Er fürchtet, daß die Liebe zum Land aufhören und der Mensch um ein großes Gefühl ärmer dastehen würde. Für Bezruč hat diese Liebe fast persönlichen Charakter. In einem seiner Gedichte, »Hultschin«, spricht er zu der heimatlichen Erde: »Heimat, gestehe: wir hatten uns gerne.« Er fürchtet die Entwurzelung. Er fürchtet, daß der Proletarier, der heute mit Sklavenketten an sein Vaterland geschmiedet ist, wenn diese Ketten fallen, sein Vaterland überall und mithin nirgendwo haben werde. Der Dichter der »Schlesischen Lieder« ersehnt die Revolution; aber er fürchtet zugleich die Wandlung, die sie dann, da sich alles verändert, auch an dem Begriff der Heimat und des nationalen Bewußtseins vornehmen muß. In Petr Bezruč lebt die Liebe zur Natur der heimatlichen Erde und zur Natur der eigenen Nation, so wie sie der Epoche eigen war, der er entstammt und die, wir müssen es schaudernd erleiden, heute nur noch von der Kraft ihres Sterbens lebt. Diese Liebe war einmal eine ihrer schönsten Empfindungen. Sie wird auch nie verloren gehen. Niemand will es. Von den Fesseln der Sorgen und Nöte befreit, wird der wissende und befreite Mensch alles viel schöner und besser lieben können, auch die Natur, die Heimat, auch sein Volk. Nur sein Blick wird sich geweitet haben und seine Freizügigkeit fast keine Grenzen kennen. Petr Bezruč aber war immer ganz und gar auf seine engere Heimat konzentriert; diese Konzentration ist eine der Wurzeln seiner dichterischen Kraft. Sie preiszugeben fürchtet er, als gälte es sein innerstes Wesen. Ein einzigesmal hat er als junger Mensch eine Reise ins Ausland unternommen; er kam bis nach Berlin, blieb dort einen Tag und fuhr schleunigst wieder nach Hause. Es gibt auch nur ein Gedicht, »Hölderlin«, dessen Schauplatz nicht im heimatlichen Schlesien oder Mähren liegt, denn auch die Gedichte mit antikem Stoff spielen alle in des Dichters Heimat. Und gerade dieses eine Gedicht aus letzter Zeit, das vom Neckar spricht, klingt seltsam fern und kühl und allerdings auch sehr resigniert. Die Reichen haßt Hölderlin; den Regierenden mißtraut er, allen; nur der arme, der einfache Mensch ist seiner kranken Seele teuer. Bezručs Skepsis gestattet ihm nicht, sich den Menschen in der Wandlung oder gar schon den gewandelten Menschen vorzustellen, der die Ordnung seiner Dinge selbst in die Hand genommen hat. Denn Bezruč steht mit einem Fuß in dem neuen, mit dem, anderen aber noch in dem alten Jahrhundert.

Es ist schon gesagt worden, daß die »Schlesischen Lieder«  keine bloße Aneinanderreihung von Gedichten sind, sondern ein Ganzes, eine Tragödie in Balladen und Liedern. In dieser Tragödie fällt dem Juden eine schmähliche Rolle zu. In den Juden sieht Bezruč die politischen Feinde seiner Nation. Die Skepsis hat ihn gelehrt, von allem, was er mittelbar und unmittelbar erfahren hat, das Schlimmste zu glauben. Denn wie hätte es sonst mit dem Jahrhundert, dem er entstammt, so entsetzlich weit kommen können?

So wie er sich seine Maske erschafft, die Maske des Schreckphantoms — oder hat jemand bemerkt, daß er sich selbst zu schonen wünschte? — so bildet er sich auch den Begriff vom Juden. Rothschild und Guttmann — die Kohlenbarone; Leiser Löw — ein Schnapsbrenner; der Gemeindevorsteher Marchfelder, welcher Maritschka Magdonova bei der Gendarmerie denunziert — ein Jude. Anemonen (Glocken, dunkelblaue Glokken) liegen zertreten auf dem Pfad. Juden, Händler aus Teschen, sind hier zur Bahn gegangen. Nach Jahren sieht Bezruč einen ihm lieben Ort wieder. Welche Veränderung! Sechs Juden in der Gemeinde, der Vorsteher ein Jude... Ein Mann namens Rabe, einer aus dem Gedicht »Die sieben Raben«, wird von dem Gendarm erstochen. Es wird von ihm gesagt:

»Den Juden schlug er, wollt nicht locker lassen,
im Wirtshaus wars, denn immer schlägt der Rabe,
wo er ihn trifft, den Juden; sei's aus Willkür,
aus Stolz vielleicht; sei's nur aus dumpfer Ahnung,
daß nie ein Jud der Not des Volkes achtet.« 


Nur einmal geschah's, daß Bezruč einen Juden Bruder nannte. Er findet den »papiernen Mojschl«, einen Narren, halberfroren im Schnee. Er nimmt ihn in die Schenke mit, trinkt mit ihm Kontuschowka und bringt den Juden zum Reden. Dieser erzählt, er habe vor langer Zeit sein junges Weib erschlagen, das ihn betrogen hat. Den Brief, der sie verriet, hat der Wind fortgetragen. Ein Narr. Das Gericht läßt ihn frei. Seither sucht er überall den Brief. Im Schnee wäre er dabei fast erfroren. »Herr, was sagt Ihr eben?« fragt der papierne Mojschl, nachdem er seine Lebensbeichte geendet hatte.

»Barfuß bist duf Sei's. Dem Schritt des Jungen
folgt das Glück wie Erle kühler Nässe.
Kommt der Herbst, wird uns das Lied gesungen
vom Verzicht und weher Herzensblässe.
Sei's wie's sei. Trink. Heute dich begrabend,
schlägt das Schicksal morgen mich in Ketten;
sehr beschwerlich wär's von früh bis abend,
wenn wir nicht noch eine Zuflucht hätten.
Den erdrückt des Stammes Joch und Bürde,
dieser stirbt am Weib, und jenen treiben
peitschend Schmerzen wie ein Roß zur Hürde —
Branntwein, Bruder, Branntwein muß uns bleiben!« 


»Bruder« nennt Petr Bezruč den »papiernen Mojschl«, weil auch er durch das Weib so viel Leid erfahren hat, daß er sein ganzes Leben dran zu tragen haben wird.

»Branntwein muß uns bleiben!« Wo immer in den Liedern des Petr Bezruč vom Branntwein gesungen wird, und es wird von ihm oft gesungen, ist er das Mittel, um über das Leid hinwegzuhelfen, das verratene Liebe zugefügt hat. Anders der Wein. Dieser ist ein Getränk der Herrlichkeit:

»Marquis Géro, reich an Gütern:
gib uns Fässer volle siebzig
Fässer Rotwein siebzigtausend!« 


Erst im Alter, da der Unversöhnliche sich doch nur ein bißchen Frieden unter das Haupt gesammelt hat, beginnt in seinen Liedern der edle Wein eine Rolle zu spielen. Der Wein gehört zum fruchtbaren Süden Mährens, so wie der Schnaps zu Bezručs schöner aber leidvoller Gebirgsheimat gehört. Der Wein wächst aus dem Boden und ist ein Stück Natur. Der Schnaps aber ist ein Produkt der Industrie, und Juden von der Art des Leiser Löw sind es oft, die ihn brennen.

Um die Jahrhundertwende, also um die eigentliche Zeit der »Schlesischen Lieder«, war der Schnaps in jener Gegend der Volksfeind Nr. 1. Doktor Wlassak hat 1901 in einer Broschüre »Der Alkoholismus im Gebiet von Mährisch-Ostrau« einen Rekordverbrauch an Spiritus nachgewiesen; damals kamen auf den Kopf der Bevölkerung jährlich sage und schreibe 20.6 Liter absoluten Alkohols. Dank der allgemeinen Aufklärung und weil heute womöglich noch weniger Geld unter den Leuten ist als damals, ist der Alkoholverbrauch in Bezručs Gegend seither stark gesunken. Die Verbrauchsquote wird heute freilich immer noch mit 4.05 Liter jährlich angegeben.

So wird in Bezručs Vorstellungswelt der Jude damit beladen, daß die Leute ihre sauer erworbenen Groschen in die Butike tragen, daß sie durch Schnapsschulden auch politisch unfrei werden, daß sie sich dabei körperlich und geistig zugrunde richten. Der Branntwein soll das Leid vergessen machen. Wie aber, wenn der Arzt die Wunden schlüge, die er heilen will? Läßt sich denn mit Geld nicht alles kaufen? Auch von sich sagt Bezruč, er sei »aus wankendem Blute« erwachsen. In den Friedeker Webereien, welche deutschen Juden gehören, sind hunderte von Mädchen aus dem Gebirge beschäftigt. Die Mädchen aber sind für Bezruč das Heiligtum der Heimat. Das gibt seinem Ingrimm gegen die kapitalistische Ausbeutung die besondere Note.

Für Petr Bezruč, der sein Land und nur sein Land sieht, ist der Jude derjenige, der Geld hat und wenn er es besitzt, das Land gern auch wieder verläßt. Die Juden in Schlesien sind nicht Bergarbeiter, nicht Holzfäller, nicht Flösser, nicht Häusler, nicht Kärrner. Warum sie dies nicht sind, ist eine Frage, die in Bezručs harter Tatsachenwelt keinen Raum hat. Seine Skepsis gestattet ihm nicht, zu glauben, daß es anderswo anders sei und daß es bei einer anderen Ordnung der Dinge auch hier anders wäre. Er sieht nur, was er sieht: der Jude ist wurzellos. Er sieht in ihm das abschreckende Beispiel eines Ahasver, da sich doch alle Mächte verschworen haben, auch sein Volk zu entwurzeln. Denn was gehört noch seinem Volke? Nur die Arbeitskraft. Und diese nutzt das Kapital für die eigenen Zwecke. Vor dem Umsturz war das Kapital deutsch. Und deutsch: das hieß oft genug jüdisch. (Daß die Juden, die den Deutschen in Schlesien bei der Befestigung ihrer Herrschaft und ihres Einflusses entscheidend geholfen haben, heute ohne Dank verabschiedet werden, ist ein Kapitel für sich.) In den Ausfällen gegen die Juden drückt sich bei Bezruč der elementare Widerspruch gegen das Kapital aus.

Es wäre grotesk, wenn Bezruč in den Juden den einzigen Feind seines Volkes erblicken würde. Er sieht sie aber nur in der Reihe der Feinde, die sich in den Besitz und die Macht im Lande teilen. Sein Held ist nicht Shylok. Sein Held ist das leidende Volk. Die Literatur über Bezruč zeigt übrigens, daß der Dichter der »Schlesischen Lieder« auch unter den Juden aufrichtige Bewunderer hat. Freilich: Der Jude, der sich dem Kapital verbunden fühlt, wird die Begegnung mit diesen Gedichten scheuen. Für ihn ist Bezruč einfach der Antisemit. Der Jude aber, der im Leben und Denken gegen das Kapital Stellung bezogen hat, gegen das Kapital ohne Ausnahme, wird Bezruč richtig verstehen und sich der Gewalt seiner Dichtung beugen.

Was ist hier übrigens Dichtung und was ist hier Wahrheit? Auf dem Grabstein des Spirituosenerzeugers Herrmann Löw auf dem jüdischen Friedhof in Friedek, der bei Bezruč Leiser Löw heißt, steht geschrieben: »Er war begeistert für alles Schöne und Gute.« Leute die Löw gekannt haben — er ist 1906 gestorben — bezeugen, daß die Grabschrift der Wahrheit entspreche. In den »Schlesischen Liedern« aber wächst die Schuld des Leiser Löw ins Infernalische.

»Die Ostrawitza dröhnt vor Holz,
der Hauer trocknet sich die Stirn:
Das Blut zersetzt ihm Leiser Löw
und Marquis Géro das Gehirn.
Laß uns die Steuer, gib auf Borg!
Man möcht ja gerne anders grüßen:
Und Marquis Géro spuckt nach ihm
und Leiser Löw tritt ihn mit Füßen.« 


Von der Trunksucht in jenem Gebiet und ihren furchtbaren Folgen war schon die Rede. Die »Těšínské Noviny« (Teschner Nachrichten) führten einen erbitterten Kampf gegen den Alkoholismus und schimpften dabei auf die Juden, welche Schnaps brennen und überdies alle nur deutsch reden. Es ist erwiesen, daß Bezruč mehr als eine Veranlassung zu seinen Gedichten aus eben dieser Quelle empfangen hat. Was dort schlecht und recht berichtet stand, wurde durch den Dichter, der darauf wie ein Pulverfaß auf den Funken reagierte, zu einem flammenden Appell.

Auch den Stoff zu seiner berühmten Ballade »Maritschka Magdonova« hat Bezruč aus den »Těšínské Noviny« bezogen. Es war eine kurze Zeitungsnotiz, aus der diese große Ballade entstanden ist. Eine Maritschka Magdonova hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Ihr Denkmal an der Friedhofsmauer in Althammer — das Volk spricht von ihr, als könnte jeder sich an die Tote noch erinnern — ist das Denkmal einer erdichteten Gestalt. Auch der Gemeindevorsteher Marchfelder, ein Jude, der die verwaiste Maritschka beim Holzsammeln in den Wäldern des Marquis Géro betreten und angezeigt haben soll, ist, zum Teil wenigstens, eine dichterische Erfindung. Alois Adamus erzählt in seinem Büchlein »Po stopách Slezských písní Petra Bezruče« (Auf den Spuren der Schlesischen Lieder des Petr Bezruč) von einem gewissen Israel Hochfelder, der elf Jahre lang in Althammer als Gemeindevorsteher fungiert hat. Er war Holzhändler und Schindelerzeuger; man nannte ihn allgemein den »Schindelkönig«. Schwer lastete damals auf dem Volk die Hand der erzherzoglichen Obrigkeit, die sich aber nicht Hochfelders, sondern eines Forstbeamten namens Šuderla bediente. Vom reichen Hochfelder sagt Adamus, er sei kein übler Mensch gewesen.

Nach derselben Quelle war Ondráš — Andres, Bruder Andres —, bei Bezruč eine Art Rübezahl der Beskiden, dem der Dichter unterwegs im Gebirge begegnet, in Wirklichkeit der Führer einer Räuberplatte, der 1715 von einem Mitglied der eigenen Bande gegen Kopflohn erschlagen wurde. Die Erinnerung an ihn lebt aber im Volk nicht als an einen bösen, sondern einen guten Räuber weiter, der den Armen gab, was er den Reichen genommen hatte. Wenn Bezruč in Ondřej Šebesta, der mit seinen Leuten die Gegend unsicher gemacht hat, den Bruder Andres, den Rächer und Freund, und in dem durchschnittlichen, allem Anschein nach harmlosen Holzhändler Israel Hochfelder den hämischen Marchfelder der Ballade sieht, so folgt er damit nur der Phantasie des Volkes, das in seinem Verlangen nach einer ausgleichenden Gerechtigkeit im Wachen und Träumen nicht Gesetze, sondern Personen vor Augen haben will. Zwischen Herrmann Löw und dem Leiser Löw des Gedichts, zwischen Hochfelder und Marchfelder, zwischen dem Räuber Ondřej und dem Bruder Andres waltet die gleiche Beziehung wie zwischen der bürgerlichen Existenz des Vladimír Vašek und der dichterischen Erscheinung des Petr Bezruč. Es ist die Beziehung der Sage und nicht die der aktenmäßigen Übereinstimmung.

In allen Ausgaben der »Schlesischen Lieder«, in welchen mit zunehmendem Inhalt die Anordnung wechselt, bilden folgende Verse den Abschluß:

»Aus Disteln, aus hämisch und häßlichem Ton,
aus Dornicht und Tränen gewunden —
Ich könnt ja nicht anders! Ein schlesischer Sohn,
hab niemals was Bessres gefunden . . .« 


Das »Blaue Ordensband«, ein Poem, das 1930 außerhalb der »Schlesischen Lieder« als selbständiger Druck erschienen ist, enthält an der Stelle, die dafür in Betracht käme, keine Erwähnung der Juden mehr. Was bedeutet das »Blaue Ordensband«? Zunächst einen seltenen Falter, Catocala fraxini, den in seiner Schmetterlingssammlung zu besitzen sich der Knabe lange gesehnt hatte. Dreiundsechzig Jahre war der Dichter alt geworden, als ihn der Zufall diesen Falter finden ließ. Und nun wendet Bezruč in Gedanken Blatt um Blatt in seinem Lebensbuch und sagt in seiner lapidaren Art, was die Zeit ihm alles beschert hat. Er habe gesehn, wie brutale Hände sein Volk ins Gesicht schlagen. Die rote Laterne habe er erhoben und in ihrem Schein ein Land in Agonie erblickt. Er spricht vom Krieg und von den Zeiten, die nach Kriegs Schluß kamen. Böse Zeiten der Arbeitslosigkeit für das darbende Volk und gute Zeiten für andere. Das Persönliche ist in dieser Schilderung zurückgetreten, das Gesetzmäßige tritt hervor. Auch Ehren werden ihm zuteil; Bezruč scheut sich allerdings, es auszusprechen. Auch eine Erkenntnis kommt dem Dichter, eine späte Erkenntnis. Etwa diese: Immer habe ich mich eigentlich darnach gesehnt, das Leben von da aus zu erkennen ... Jetzt ist mir dieses Wissen zuteil geworden...

Als der Symbolist Petr Bezruč in den »Schlesischen Liedern«  die Gestalten zeichnete, denen er im Lehen begegnet war, hat ihm die Sage die Hand geführt. Aber in seinem Herzen saß ein strenger Richter, der kein Unrecht wollte. Mit aller Genauigkeit werden die Phasen des abwechslungsreichen Kampfes festgehalten, den die tschechischen Gemeinden in Schlesien gegen den deutschen und polnischen Einfluß zu führen hatten. Oft wird nur ein Akkord angeschlagen, der aber den ganzen historischen Untergrund aufklingen läßt. Oft wieder sehen wir, wie von einem Blitz erhellt, die sprach- und kulturpolitischen Schützengräben mit erschreckender Deutlichkeit vor uns. Die Sage entbehrt bei Bezruč nicht der realen Grundlage, sondern im Gegenteil: sie wächst aus ihr. Deswegen begibt sich mit diesen Gedichten das Sonderbare und Große, daß sie alle so zu lesen sind, als handelte es sich darin nicht um Dinge von gestern und heute, sondern von einst und für immer.

Bezruč, wie er sich in seiner Dichtung manifestiert, ist nicht ein Christ sondern ein Heide, dies so gemeint, wie man auch Goethe »einen großen Heiden« nennt. Nicht die Lehren der katholischen Religion, in der er als Kind erzogen wurde, sondern nur manche ihrer Symbole haben für ihn einen realen Wert behalten. Es ist die Realität der kindlichen Eindrücke. Zwischen Oderberg und dem Berg Lysa, zwischen Ostrau und Teschen fühlt er sich wie ans Kreuz geschlagen. Er spricht von den »süßen Sternen der Jungfrau von Hrabin«, die er, an der Hand des Vaters, auf einer Wallfahrt auf sich ruhen gefühlt hat. Aber er sagt: »Für mich lebt kein Gott.« Nicht Gott, sondern der Dämon peitschte den Felsen, dem Petr Bezruč ententsprungen ist. Das Bild stammt übrigens aus dem Alten und nicht aus dem Neuen Testament. Moses schlug den Felsen, damit er Wasser gebe. Bezruč selbst ist aus ganz anderem Stoff als die Menschen der Bibel. Man kann höchstens sagen, daß sein Wesen als das eines Eiferers viel eher mit dem Alten als mit dem Neuen Testament in Übereinstimmung gebracht werden könnte. Nicht zu Gott ruft er in seiner Empörung gegen die brutale Knechtung des Volkes durch die Herrschaft, sondern zum Dämon der Rache. Was den tschechischen Priester anbelangt, so gilt er ihm nicht als ein Gottesmann, sondern vielmehr als der Volksmann, der treu zur Muttersprache hielt, als diese arg gefährdet war.

Im Leben und Wirken des Petr Bezruč gibt es genug des Gegensätzlichen. Zum Dichter geboren, wollte er keiner werden, und wurde dennoch einer — wider Willen. Ihn rief die furchtbare Not seines Volkes auf den Plan. Er wurde der anonyme Sprecher dieses Volkes. Man zollte ihm Beifall. Das schnitt ihm tief ins Herz. Er schritt voran in der Finsternis und hinter ihm die Masse blieb zurück. Alles, was an Dichtung aus ihm hervorbrach, kam aus der Empörung um ihres Leidens willen und aus der Verbundenheit mit ihr, aber von ihm selbst war nur eine schwache Ahnung in eben diese Masse gedrungen. Sein Vater war ein Mann der Wissenschaft Er hatte es leichter und schwerer. Der Sohn war ein Dichter. Die Kunst wandelt verschlungene Pfade. Sie wirkt, wo ihr Schöpfer es am wenigsten vermutet hätte: im Wettkampf der Gesänge, auf der Bühne der Literatur. Von da gelangt sie in die Herzen und Hirne der fortgeschrittenen Arbeiter und jungen Intellektuellen und in die Tornister der Soldaten des Weltkrieges. Nun ist er es, der als ein Fertiger hinter dieser durch sein Werk beeinflußten Masse zurückbleibt.

Die Arbeiter und Bauern Rußlands werfen das Joch ab und errichten 1917 ihre eigene Macht. Auch sie hatten ihre Dichter. Aber einen Bezruč gab es für sie weder unter ihren Lebenden noch unter ihren Toten. Sie hätten das kleine Brudervolk in Schlesien um diesen Einen beneiden können. Aber sie erfuhren nichts von ihm, denn Lyrik ist ein in eine andere Sprache schwer übertragbares Gut. Sie hätten übrigens manchen Makel an ihm gefunden, und es braucht Zeit, bis Herkunft und Bedingtheit eines solchen Makels aus den zeitlichen Vorausetzungen erklärt, die Funktion des Makels im Gesamtgetriebe des Werkes richtig erkannt und das Gewissen durch das Wissen dorthin gebracht worden ist, wo man stehen muß, um zu sehen, wie sich das Bild aus Licht und Schatten zusammensetzt. Das gilt von Bezruč wie von jedem bedeutenden Künstler. Von seinem Furor und seiner Niedergeschlagenheit, von seinem revolutionären Willen und seinem Versagen im Angesicht des revolutionären Geschehens in Sowjetrußland, von seinem glühenden Gerechtigkeitssinn und seinem Antisemitismus war schon die Rede. Es gilt nun, der Verlockung zu widerstehen, das Gegensätzliche und scheinbar Unverträgliche in einem Werke in eine paradoxe Übereinstimmung bringen zu wollen, indem man es so lange dreht und wendet, bis die Gegensätze einander verdecken und bis man glaubt, behaupten zu können, das eine sei immer nur die Kehrseite des andern. Am Ende eines solchen »Reinwaschungsprozesses« steht immer nur die Langeweile. Schließlich soll ja Bezruč weder seliggesprochen noch kanonisiert werden. Man lasse getrost die Gegensätze und Spannungen, wie sie sind, und lerne begreifen, wie das Werk sich aus ihnen funktionell aufbaut. Es geht nicht an, einzelne Partien daraus herausbrechen oder diese verhängen zu wollen. Man muß sie schon anders »aufheben«: durch das richtige Begreifen ihrer Ursachen und Zusammenhänge. Und selbstverständlich auch durch ein liebendes Verstehen. Dies noch zum Schluß.


Rudolf Fuchs.
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